Berlin : Anwohner am Engelbecken kämpfen gegen Obdachlosenheim

Investoren befürchten noch mehr Leerstand im Karree zwischen Kreuzberg und Mitte, wenn ein Wohnprojekt aus der Mühlenstraße dort hinzieht

Frauke Herweg

Laubengänge, ein weiter Blick bis zur Michaelkirche – das Engelbecken zwischen Kreuzberg und Mitte ist ein idyllischer Ort. Nicht mehr lange, befürchten Anwohner und Investoren, die hier Häuser saniert haben. Entsteht wie geplant an der Ecke von Waldemarstraße und Legiendamm ein Obdachlosenheim, verkomme der Park zum Trinkerstammtisch, argwöhnen sie. Und schlimmer: könnten potenzielle Mieter abgeschreckt sein. Rund 100 Investoren und Anwohner haben eine Petition unterschrieben, mit der sie sich gegen ein Obdachlosenheim im Kiez wehren. Am Donnerstagabend diskutierten sie mit Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) über das geplante Heim – Reinauer verteidigt das Projekt.

Bis 1995 war in dem Haus bereits ein Obdachlosenheim. Und Alexander Rabus, Nachbar und Geschäftsführer der Triga Immobilien Consulting machte schlechte Erfahrungen. Betrunkene Obdachlose, die nicht mehr ins Heim fanden, übernachteten des Öfteren in seinem Hausaufgang. „Wir mussten das Haus sichern wie eine Festung“, sagt der 30-jährige Immobilienberater, der Angst vor Leerstand hat: „Diese Gegend war gerade dabei sich aufzurappeln. Damit droht jetzt Schluss zu sein.“

Auch Architekt Helmuth Hänle macht sich Sorgen, dass „die städtebauliche Entwicklung gestoppt wird“. Schon jetzt stünden die meisten Gewerbeflächen am Engelbecken leer, lägen viele Grundstücke an der Waldemarstraße brach. Sein Vorwurf: Mit seiner Entscheidung für das Obdachlosenheim macht der Bezirk die Bemühungen der privaten Investoren zunichte.

Die Geschäftsführerin des künftigen Heimbetreibers, Cornelia Leibholz, hält die Ängste der Investoren und Anwohner für übertrieben. Das neue Siefos-Wohnprojekt betreut meist kranke Obdachlose, die ihr jetziges Haus an der Mühlenstraße verlassen müssen, nachdem der US-Investor Anschutz die Fläche gekauft hat, um dort die neue Großarena zu bauen. Die meisten dieser rund 100 Männer und Frauen könnten ihr Zimmer kaum verlassen. „Diese Menschen wollen einfach nur Ruhe“, sagt Leibholz.

Die Siefos GmbH will das ehemalige Obdachlosenheim noch in diesem Monat kaufen. Im Herbst sollen die ersten Bewohner einziehen. Bezirksbürgermeisterin Reinauer unterstützt das Projekt. „Es gibt nun mal Armut in diesem Bezirk“, sagt sie. „Irgendwo müssen die Menschen doch hin.“

Investoren und Anwohner geben sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Sie sind verärgert, dass sich die Bezirksverordneten im Februar für ein Obdachlosenheim an dieser Stelle aussprachen, ohne die Anwohner zu informieren. Sie ärgern sich auch darüber, dass erst im vergangenen Jahr ein neu gebautes Obdachlosenheim in der Schlesischen Straße geschlossen wurde. „Schon damals war bekannt, dass Siefos ein neues Haus sucht“, sagt eine Anwohnerin. „Warum konnte man dieses eigens für Obdachlose gebaute Gebäude nicht an Siefos verkaufen?“ Baustadtrat Lorenz Postler (SPD) verteidigt die Schließung. „Dieses Heim hatte den teuersten Tagessatz Berlins“, sagt er. „Und der Bezirk ist verpflichtet, Bürgerämter zu errichten. Das werden wir dort jetzt tun.“

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