Anwohner bestehlen Flüchtling in Friedrichshain : "Brauchen Sie das wirklich?"

Fünf Minuten am Boxhagener Platz und schon weiß Saleh, ein junger Syrer, welches Berliner Viertel er künftig meiden sollte.

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Der Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Der Boxhagener Platz in Berlin-Friedrichshain.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Saleh hatte Glück. Er hat die Bomben in Syrien überlebt. Er hat das Schlauchboot auf dem Mittelmeer überlebt. Er hat die Schlangen am Lageso überlebt.

Er hat eine Wohnung in Wedding gefunden. Er hat ein Praktikum im Krankenhaus gefunden. Er hat deutsche Freunde gefunden.

Dann, an einem trüben Freitag, betritt Saleh Friedrichshain. Er will an diesem Nachmittag Möbel abholen, die ihm jemand gespendet hat. Ein weißes Regal und eine Kiste Geschirr, für die neue Wohnung, für das neue Leben.

Plötzlich fehlt ein Teil des Geschirrs

Saleh bedankt sich, mehrfach, glücklich. Erst trägt er das kleine Regal, Exemplar Expedit von Ikea, zum Auto, das etwa zehn Meter entfernt am Rand des Boxhagener Platzes parkt. Saleh stellt das Regal vor dem Kofferraum ab. Eine deutsche Freundin wird ihn gleich nach Wedding fahren.

Als er zurück am Hauseingang ist, wo er die Kiste abgestellt hat, fehlt plötzlich ein Teil des Geschirrs. Die Nachbarin aus dem Parterre hört, wie sich die Spenderin wundert, öffnet die Tür einen Spalt. „Brauchen Sie das wirklich?“ Nur ungern gibt sie das hübsche Tellerchen zurück. Saleh nickt entschuldigend. Er braucht es wirklich.

Als Nächstes trägt er das Geschirr zum Auto. Aber – das kann doch nicht sein! Jetzt hat ihm jemand das Regal gestohlen. Saleh läuft die Straße auf und ab. Er war doch nur ein paar Sekunden fort. Das Regal bleibt verschwunden. Friedrichshain hat es nötig.

Dieser Text erschien zunächst in der gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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