Anwohnerwut auf Touristen : Kreuzberg will seine Ruhe haben

Mit dem neuen Feindbild, dem Touristen, haben die Grünen einen Nerv getroffen.

von
Idyll am Schlesischen Tor. Die Kreuzberger genossen gestern die Sonne, die Ruhe – wenn nur nicht ständig die U-Bahn neue Touristenmassen herankarren würde!Foto: Mike Wolff
Idyll am Schlesischen Tor. Die Kreuzberger genossen gestern die Sonne, die Ruhe – wenn nur nicht ständig die U-Bahn neue...

Die Geister, die sie riefen, wurden sie nicht mehr los. Unter dem Titel „Hilfe, die Touris kommen“, hatten die Grünen erst 200 Kreuzberger zur Diskussion ins Nachbarschaftshaus Centrum Kreuzberg gelockt und dann mit politischen Kampfbegriffen wie „Touristifizierung“, „gleichgeschalteten Cocktailbars“ und „Kampf gegen Rollkoffer“ auf Kurs gebracht. Die eindeutige Haltung der Anwohner ließ am Ende aber selbst die Politiker abwiegeln: Sie reichte von Verzweiflung bis zu offener Fremdenfeindlichkeit.

Es hatte etwas vom vielbeschworenen „Wutbürgertum“, wie der Wrangelkiez am Montagabend zusammenrückte, um seinen Zorn auf Touristen, Hostels und laute Partys zu artikulieren. Mit dem neuen Feindbild, dem Touristen, haben die Grünen einen Nerv getroffen.

„Es wird einfach zu viel!“, lautet noch eines der gemäßigteren Statements. Und unter Applaus ruft ein Mann dazwischen: „Das ist nicht mehr unser Kiez!“ Die Kreuzberger fühlen sich von den Touristen überrannt. „Wie im Zoo“ komme man sich vor. „Die Menschen, die diesen Kiez zu dem gemacht haben, was er ist, werden bald nicht mehr hier sein“, befürchten andere. Und: „Wir wollen sie nicht hier haben. Berliner sind unfreundlich. Es wird Zeit, dass wir das den Touristen auch kommunizieren!“ Zwischentöne sind selten an diesem Abend. Nur ein alteingesessener Kreuzberger warnt, man solle bitte nicht in eine neue Sarrazin-Debatte hineinrutschen. Ziel dürfe es nicht sein, „No-Go-Areas für Touristen“ einzurichten.

Auch Florian Schärdel, Grüner im Stadtplanungsausschuss von FriedrichshainKreuzberg, versucht schnell, die Debatte etwas zu kanalisieren. „Ich bin nicht gegen Touristen“, stellt er fest. Man müsse aber den Bau neuer Billighostels weiter beschränken und eine Steuer auf Betten einführen, die dann der Kiezkultur zugutekomme. Außerdem müsse die „Zweckentfremdungsverbotsverordnung“ auf Landesebene wieder eingeführt werden. So könne verhindert werden, dass Wohnungen schwarz an Touristen vermietet würden. „Denn wenn diese Wohnungen dem Mietmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen, steigen die Mieten.“ Wie seit Jahren im Kiez. Die Alten würden verdrängt, berichtet eine Anwohnerin. Und der Einzelhandel müsse schließen, nur noch Gastronomen könnten sich die Gewerbemieten leisten. Schärdel muss passen. Da habe man kaum Handlungsmöglichkeiten.

Andere Baustellen gibt es genug im Kiez. Doch sie sind hausgemacht und längst nicht alle Touristen anzulasten. „Nicht jeder, der Bier trinkt und in Ihren Hausflur pinkelt, ist ein Tourist“, sagt Schärdel. Dabei ist längst klar, dass nicht mehr nur ein Kampf zwischen Touristen und Kreuzbergern tobt. In einer Stadt, in der fast jeder irgendwie zugezogen ist, bemerkt auch Dirk Behrendt, Initiator der Podiumsdiskussion und Wahlkreisabgeordneter für die Grünen, „ungesunde Spannungen zwischen Kreuzbergern, die seit fünf, und solchen, die seit 15 Jahren hier wohnen.“ Dem Ruf nach mehr Polizei und Ordnungsamt, um laute Partys im Kiez zu unterbinden, erteilt er ebenso eine Absage wie Nicole Ludwig, wirtschaftspolitische Sprecherin von Charlottenburg-Wilmersdorf, die sich an Verhältnisse wie in Prenzlauer Berg erinnert fühlt. Auch sie wolle sich für nachhaltigen Tourismus stark machen. Man müsse sich aber vom Gedanken verabschieden, dass es wieder so werde wie vor 30 Jahren.

Gerhard Buchholz, der für die Tourismus-Agentur Visitberlin auch auf die wirtschaftlichen Vorteile des Tourismus hinwies, wurde vom Publikum ungeduldig unterbrochen. Der Stellvertretende Bezirksbürgermeister Peter Beckers (SPD) wies bereits vorab darauf hin, der Tourismus bringe Berlin 1,85 Milliarden Euro Steuern jährlich und könne so Teil der Lösung sein. Gerade habe man einen Fonds zur Bekämpfung der Folgeschäden wie Lärm und Müll beschlossen, der dadurch finanziert werden könne. Doch nach eigenem Bekunden wollen die Kreuzberger weder das Geld noch die Arbeitsplätze: Sie wollen ihre Ruhe. Sidney Gennies

Autor

5 Kommentare

Neuester Kommentar