Berlin : Anziehender Service

ROBEN AUF DEM ROTEN TEPPICH Warum sich die Berlinale-Stars keine Sorgen um das richtige Outfit machen müssen

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Als Cate Blanchett bei der Premiere ihres Films „The Good German“ in schwarzer Abendrobe mit langer Schleppe und asymmetrischem Ausschnitt über den roten Teppich schritt, konnten sich die Marketing-Experten von Givenchy die Hände reiben. Viele andere Designer hatten sich darum gerissen, die Australierin für die Berlinale einzukleiden. Doch sie entschied sich für das Label aus Paris. Und steigert dadurch enorm die Popularität der Marke.

Blanchett selbst dürfte das egal sein. Die Berlinale ist nur eines von zahlreichen Events, die sie jedes Jahr besucht. Jedes Mal muss sie umwerfend aussehen und dem neuesten Trend entsprechen. Sonst geht es ihr womöglich wie Kollegin Jodie Foster. Deren Po war bei der Oscar-Verleihung 1989 das Gesprächsthema: Er sah nicht gut aus. Besser gesagt, er war kaum zu sehen. Denn das kurze, blaue Cocktailkleid der amerikanischen Schauspielerin war auf dem Hinterteil mit einer riesigen Schleife gerafft. Ein bisschen sah Foster aus, als sei sie in die Dekoration einer Hochzeitstorte gefallen. Das stellte sie anschließend sogar selbst fest. Doch da war es schon zu spät: Stilkritiker Richard Blackwell hatte sie längst auf seine gefürchtete Worst-Dressed-Liste gesetzt und die People-Magazine diskutierten über ihren Geschmack. Foster brauchte Hilfe, um nicht die gute Schauspielerin mit dem schlechten Stilgefühl zu bleiben. Giorgio Armani wurde ihr Mode-Experte und kleidet sie seither für High-Society-Events ein.

Auf einen solch exklusiven Service kann heute kaum noch eine Schauspielerin verzichten. Denn seit Lifestyle-Magazine darüber richten, wer in Sachen Stil „hot“ ist und „who’s not“, bleibt kein Fashion-Fauxpas unbeobachtet. Wer zweimal dasselbe Outfit trägt, findet sich sofort auf der „Uncool“-Liste wieder. Deshalb gehen die Stars wie Foster und Blanchett ein Tauschgeschäft ein: Sie lassen sich von Modemarken für Events einkleiden und müssen sich um nichts mehr kümmern. Und die Firmen dürfen sich mit großen Namen schmücken. Celebrity-Dressing wird der Service genannt. Für die großen Fashion-Häuser ist er mittlerweile so wichtig, dass sich damit ganze Abteilungen beschäftigen.

Jetzt, während der Berlinale, hoffen sie, die Früchte ihrer Arbeit zu sehen. Denn wenn Jennifer Lopez, Nina Hoss und Emmanuelle Béart über den roten Teppich laufen, rufen ihnen die Modejournalisten nach: „Was tragen Sie heute?“. Allerdings antworten die Stars darauf selten. Anstatt den Designer ihres Kleides zu nennen, plaudern sie lieber über ihren neuen Film. Oder es ist womöglich so laut, dass Prada und Escada miteinander verwechselt werden. Das wäre für die Unternehmen jedoch der Super-GAU. Deshalb verschicken sie schon vorab Bilder und entsprechende Informationen an die Redaktionen. Schließlich wird lange vorab geplant, wer wann was trägt.

Schauspielerin Juliane Köhler beispielsweise war einige Wochen vor der Berlinale bei der Münchner Firma Escada zu Gast. Beim so genannten Fitting probierte sie die aktuelle Kollektion der Abendkleider an, auch die bestickte Robe im Asienstil, die sie bei der Berlinale-Eröffnung trug.

Dior konnte dagegen Sharon Stone für sich gewinnen. Die Schauspielerin wälzte sich bei der Cinema-for-Peace- Gala medienwirksam in einem langen Abendkleid.

Wer die Kleider tragen darf, wird von den Modeunternehmen sorgfältig ausgewählt. Auch wenn C-Promis immer wieder ihr Glück versuchen – am Ende müssen sie meistens selbst einkaufen gehen. „Stars und Marke müssen zusammenpassen, sonst ist Celebrity-Dressing nicht glaubwürdig und funktioniert nicht“, sagt Philipp Wolff, Kommunikationschef bei Hugo Boss. Bei der Berlinale hatte der Modekonzern im Hyatt-Hotel sogar einen eigenen Showroom für Celebrity-Dressing. Hier konnten die Schauspieler aus der aktuellen Kollektion ihre Kleidung wählen.

Konzerne wie Boss profitieren enorm vom diesem Dressing-Service: „Wenn berühmte Menschen unsere Kleidung tragen, trägt das zur Begehrlichkeit unserer Marke bei.“ Stars wie Stone, Blanchett und Köhler sind dafür die idealen Werbeträger. Doch nicht nur sie und ihre weiblichen Kollegen nehmen den Dressing-Service gerne in Anspruch. Auch immer mehr Männer lassen sich von den großen Designern einkleiden. „Männer werden immer modischer“, sagt Wolff. Vor allem die jüngere Generation. Die Schauspieler Matt Damon und Joseph Fiennes trugen bei der Berlinale Anzüge und Smokings, die Boss präsentiert hatte.

Behalten dürfen die Stars die Kleider allerdings nicht. Die Outfits müssen an die Modefirmen gereinigt zurückgeschickt werden. Teilweise werden sie dann an Magazine ausgeliehen, die ihre Modestrecken fotografieren. Oder die Roben und Smokings werden an einen anderen Star weitergereicht – allerdings nur, wenn die Party auf einem anderen Kontinent stattfindet. Sonst fällt’s auf. So glänzte Nadeshda Brennicke bei der Goldenen Kamera in derselben Robe, die zuvor schon „Grey’s Anatomy“-Star Katherine Heigl bei den Golden Globes trug.

Darüber werden die Stars allerdings informiert. Denn was sie anziehen, dürfen sie sich selbst aussuchen – unter stilsicherer Beratung der Modefirmen. „Denn nichts ist schlimmer als wenn alle Frauen in der langen Robe kommen und die Schauspielerin hat ein kurzes Cocktailkleid an“, sagt Marita Golinger, Sprecherin bei Wolfgang Joops Modelinie Wunderkind.

In Hollywood ist es längst üblich, dass Stars persönliche Assistenten beschäftigen, die ihren Stil definieren sollen. So engagierte Nicole Richie die bekannte Stylistin Rachel Zoe. Und magerte plötzlich auf Haut und Knochen ab. Doch auch wenn Zoe mittlerweile gefeuert ist – die US-Stars überlassen nichts dem Zufall.

Selbst für die Form der Augenbrauen gibt es Spezialisten. Dass sich dieser Trend auch in Deutschland durchsetzt, zweifelt Wunderkind-Sprecherin Marita Gollinger an. „Die deutschen Celebrities werden sich wahrscheinlich immer ein Stück Individualität bewahren wollen“, sagt sie. Nicht immer zum Vorteil. Handtaschen, Schuhe und die Frisur passen bei den deutschen Stars oft nicht zusammen, bemängeln einige Experten – aber Jodie Foster zeigt: Selbst wer eine große blaue Schleife auf dem Po trägt, ist noch zu retten.

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