App-Tour zu Weddinger Orten der Zwangsarbeit : Im Schatten des Frühlings

Eine von Historikern entwickelte Smartphone-App macht Spuren der Weddinger Weltkriegsvergangenheit sichtbar, die im Alltag meist unbeachtet bleiben

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Gesichter der Vergangenheit: Spuren des alten Industriebezirks finden sich überall in Wedding und Gesundbrunnen
Gesichter der Vergangenheit: Spuren des alten Industriebezirks finden sich überall in Wedding und GesundbrunnenFoto: Sulamith Sallmann / sulamith-sallmann.de

Prächtige Goldlettern, die sich da im Halbkreis über dem Torbogen reihen: Allgemeine Elektricitaets-Gesellschaft. Ein Name aus einer anderen Zeit, hier an der Brunnenstraße, Ecke Gustav-Meyer-Allee, von der anderen Seite leuchtet das Blau-Gelb des Lidl-Markts herüber. Auch das verschnörkelte AEG-Logo ist in das Backsteintor eingelassen, edles Goldmosaik, umsäumt von einer Glühbirnenkette.

„Mit der Einführung der Glühbirne in Deutschland begann der Aufstieg der AEG zu einem Weltkonzern“, so steht es auf dem Smartphone, unter einem Bild ebenjenes „Beamtentors“, denn die einfachen Arbeiter sind nie unter den Goldlettern durchgegangen, das war den höheren Angestellten und Besuchern vorbehalten. „Von der Glühbirne zur Zwangsarbeit“, so lautet der Titel der Slideshow, die alte und neue Aufnahmen des Werksareals auf den Bildschirm des Telefons bringt. Hier am alten AEG-Tor beginnt er also, der historische Stadtrundgang der besonderen Art. Eine von sechs Touren, die der Berliner Verein „Geschichtswerkstatt“ in ihrer Zeitzeugen-App „Zwangsarbeit“ versammelt hat – zwei von ihnen führen durch den alten Arbeiterbezirk Wedding.

„Der Wedding hat eine wichtig Rolle gespielt, weil er immer schon das traditionelle innerstädtische Industriegebiet für Berlin war“, sagt Thomas Irmer. Der 50 Jahre alte Historiker, Politologe und Ausstellungskurator hat mit zwei Fachkollegen und einem Programmierteam im vergangenen Jahr die App entwickelt, die neben einer Apple-Version nun auch für Android-Geräte erhältlich ist. „Maschinenbau, Elektroindustrie“, zählt Irmer auf, „AEG hatte die wichtigsten Werke in der Brunnen- und der Ackerstraße. Außerdem gab es hier viele Metallverarbeiter, die Motorenwerke an der Osloer Straße, im Wedding wurden im Zweiten Weltkrieg vielerlei Rüstungsgüter gefertigt.“

Auf den toten Gleisen der Löwenzahn

Im Wedding schufteten viele der insgesamt 500.000 Zwangsarbeiter, die alleine in den Berliner Fabriken für den Wahn vom Endsieg unter teils extrem harten Bedingungen eingesetzt wurden.

Am früheren AEG-Werksgelände führt die Route die Gustav-Meyer-Allee hinunter, rechts blühen die Kastanien des Humboldthain, links ziehen die alten Backsteintürme vorbei, und die riesigen weißen Satschüsseln der Deutschen Welle, die seit über 20 Jahren von hier sendet.

Foto: Berliner Geschichstwerkstatt

Nächster Stopp vor der Nummer 25. Schwere schmiedeeiserne Gitter vor den Fenstern im Erdgeschoss. An der Hauswand eine kleine Gedenktafel mit einem zweisprachigen Hinweis auf die polnischen Zwangsarbeiter, die bei der AEG die Rüstung unterstützen mussten. Die Gedenktafel liegt im Schatten des Gebäudes, Nordseite. Gleich darüber ein buntes Werbeposter des Vermieters: „Wir geben Ihren Visionen Raum“. Die TU Berlin betreibt hier einen Technologie- und Innovationspark, das Fraunhofer-Institut sitzt in Gebäude 17. „Berlin hustles harder“, hat jemand als Stickerbotschaft auf eines der leeren Schilder gepappt. Auf den toten Gleisen, die noch heute aus dem Park in den Werkshof führen, blüht der Löwenzahn.

„Das war eine Art Sklavenhandel“, erzählt die Stimme einer Zwangsarbeiterin, „nur dass wir nicht im Bordell landeten.“ Die Inhalte der App sind auch deshalb besonders eindrücklich, weil sie tief in die Idylle des strahlenden Frühlingstags einschneiden. Bildergalerien, Audiomitschnitte, kurze Archivfilme von Gedenkveranstaltungen – die App bietet an jeder Stadion multimediales Begleitmaterial, der Verlauf der Tour ist in einer interaktiven Karte eingezeichnet.

An der alten AEG-Maschinenhalle vorbei geht es weiter, die Hussitenstraße hinunter, dann rechts zur Ackerstraße, hier liegt überall noch Kopfsteinpflaster, zu Kriegszeiten war das hier ein riesiges Industriequartier, alleine in dem mächtigen Eckhaus gegenüber vom Gartenplatz mit seinem hohen spitzen Kirchturm arbeiteten in den 40er Jahren 2000 Menschen, viele von ihnen junge Frauen aus Lodz, die Arbeitspflicht begann schon ab dem 14. Lebensjahr, erzählt eine von ihnen. Die meisten können sogar noch ihren täglichen Weg zur Arbeit beschreiben, „Weinmeisterstraße bis Voltastraße in der U-Bahn, drei Stationen“, wie heute auch noch.

Interviews mit 36 Zeitzeugen

„Geschichte von unten“, das sei das Ziel, sagt Thomas Irmer, über Zeitzeugen könne man das Vergangene auch heute noch eindrücklich vermitteln – oral history nennen das die Historiker. „Geschichte ist vielfältig und sie ist überall, man muss nur anfangen, sich umzusehen“, sagt Irmer. Einen mittleren fünfstelligen Betrag hat die Entwicklung der App gekostet, „sehr günstig“, findet Irmer, finanziert wurde sie vom Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ und von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“. Interviews mit insgesamt 36 Zeitzeugen wurden verarbeitet.

Im Mai 2013 war die Version für Apple-Geräte fertig, doch sie wurde vom amerikanischen Konzern monatelang nicht freigeschaltet. Wegen der Hakenkreuze auf den historischen Fotos, wie die Macher erst nach mehrmaliger Nachfrage erfuhren. „Das fanden wir sehr komisch“, sagt Irmer, „als Historiker verherrlichen wir ja nichts - im Gegenteil.“ Als sie einige der Fotos ersetzt hatten, ging die App im August endlich ans Netz, bis letzte Woche wurde sie laut Irmer 1023 Mal heruntergeladen. „Das Medium eignet sich sehr gut für die Spurensuche“, sagt Irmer. „Mit der App kann man vor Ort Spuren sichtbar machen, die man sonst nicht sieht.“

Warm scheint die Sonne auf das Pflaster der Ackerstraße, ein Mann sitzt mit einem Tee auf einem Stuhl auf dem Gehweg, Vogelzwitschern, Blütengeruch. „Berlin machte auf mich einen unangenehmen Eindruck“, spricht eine Frauenstimme, „nachts war es sehr dunkel, alle Häuser verdunkelt, kein Licht.“

Grenzstraße 16. Hier soll die nächste Erinnerungstafel sein, sie ist erst gar nicht zu finden, im hohen Gras unter den tiefen Ästen eines Ahorns, inmitten ockerfarbener Nachkriegshäuser. Die Namen 20 polnischer Frauen, die in der Nacht vom 4. September 1943 bei einem Luftangriff starben. Sie wurden hier verschüttet, im Keller ihrer Massenunterkunft, gleich gegenüber vom Dorotheenstädtischen Friedhof, wo die Bomben damals auch auf die Toten fielen, auf Schinkel, Borsig oder Fichte. Auf dem Bildschirm erscheint ein schwarzes Friedhofskreuz vor der völlig zerstörten Häuserzeile, Grenzstraße, 1943. Die Fenster wie leere Augenhöhlen, die Bäume kahl und schwarz und ohne ein einziges Blatt.

„Ich hatte Splitter im ganzen Körper“, berichtet eine Überlebende. „Ich bekam 13 Tage frei, dann schickte man mich in ein anderes Lager.“

Neben der Marmorplatte liegt ein bunter Werbeprospekt im Gras, er muss von der blauen Tonne herübergeweht sein. Die Tonne steht nur ein paar Meter weiter, unter dem halboffenen Deckel quillt Müll hervor.

Die Zeitzeugen-App gibt es kostenlos auf www.berliner-geschichtswerkstatt.de– sowie im Apple App Store und im Google Play Store (Android).

Foto mit freundl. Genehmigung von Sulamith Sallmann.

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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