Berlin : Appetit auf Berlin

3500 Gäste kamen gestern zum Hoffest ins Rote Rathaus und amüsierten sich prächtig. Der Wahlkampf spielte kaum eine Rolle. Lieber genoss man Kultur, Gespräche – und Erinnerungen

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Wenn es bei einem Fest schon zu Beginn so voll ist, dass man kaum noch treten kann, lässt dies zwei Schlüsse zu: Erstens: Die Gäste sind sehr durstig. Und zweitens: Es gibt Bedarf an netten Gesprächen.

Als gestern Abend um 19 Uhr unter noch zartblauem Himmel das Hoffest der Landesregierung im Roten Rathaus für eröffnet erklärt wurde, war, so schien es, ein Großteil der 3500 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur schon versammelt. Und willens, sich einen schönen Abend zu machen. Zumal ja auch das Wetter nach Wochen voller Regen ein gnädiges Einsehen hatte. Oder, wie es der Chef der Senatskanzlei, André Schmitz, formulierte: „Über uns scheint immer die Sonne.“ Was, wenn damit die SPD des Hausherrn und Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit gemeint sein sollte, an wahlkämpferischen Tönen schon fast das Äußerste war.

Sollte das „uns“ dagegen die ganze Stadt beschreiben, so schien sogar das gestern wahr zu sein: Schaute man sich die Zahl der Sponsoren an, die in diesem Jahr am Hoffest mitgewirkt haben, bekam man das gute Gefühl, dass sich tatsächlich so eine Art Corporate Identity eingestellt hat. Von André Hellers Zirkus „Afrika! Afrika!“ und Air Berlin bis zu Warsteiner und Wintergarten reichte die Palette, dazwischen BSR und BVG, Galeries Lafayette und KaDeWe, Siemens und Securitas und viele andere mehr.

Der Regierende gab sich zunächst international, hielt den ersten längeren Smalltalk mit seinem Ehrengast, dem Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë. In seiner Eröffnungsrede hieß er dann die Spitzenkandidaten im Kampf um seinen Bürgermeistersessel namentlich willkommen: Friedbert Pflüger (CDU), Harald Wolf (Linkspartei), Martin Lindner (FDP) und Franziska Eichstädt-Bohlig (Grüne). Und „all die Gäste, die sich in diesem Jahr mit bürgerschaftlichem Engagement um die Stadt verdient gemacht haben“ begrüßte er aufs herzlichste.

Friedbert Pflüger sprach am Rande von der „Selbstverständlichkeit“, das Landesfest zu besuchen, ob das nun im Hause Wowereit stattfinde oder nicht. Und wer weiß, ob das so bleibt. Die CDU jedenfalls war nahezu vollständig vertreten: auch Generalsekretär Frank Henkel und Parteichef Ingo Schmitt, im Wahlkampf nahezu unsichtbar, amüsierten sich zwischen den drei bunten Bühnen.

Den Wahlkampf fanden die anderen Gäste nicht so spannend. „Alles sehr lau“, befand der Unternehmer Hartwig Piepenbrock. Sabine Christiansen, die neuerdings zwischen Paris und Berlin pendelt, erwärmte sich besonders für die Bemühungen der beiden Bürgermeister, den Jugendaustauschprogrammen mehr Leben zu geben: „Gut, dass da wieder mehr gemacht wird.“ Das hatte Bertrand Delanoë in seiner Adresse an den „lieben Wowi“ angekündigt. Paris und Berlin feiern die 20-jährige Städtepartnerschaft. Aus diesem Grund kündigte er ein „Filmfestival“ und eine Ausstellung mit Designern und Modeschöpfern im kommenden Jahr an. Der britische Botschafter, Sir Peter Torry und Frau Angela waren zum ersten Mal bei diesem Fest dabei. Sonst sind sie in dieser Zeit immer noch im Urlaub. Der Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper lobte: „Dieser Hof ist ideal für so ein Fest, leider ist der Platz so begrenzt.“ Viele hatten sich um Einladungen bemüht, nicht allen Wünschen konnte entsprochen werden. „Am liebsten hätten wir alle Berliner eingeladen“, sagte Wowereit.

Das Hoffest wurde 1999 als Nachfolger der früheren Berliner Laubenpieperfeste, die bis zum Regierungsumzug in Bonn stattfanden und sich dort großer Beliebtheit erfreuten, ins Leben gerufen. Damals war noch Eberhard Diepgen Regierender Bürgermeister. An den erinnerte sich gestern die grüne Bundestagsfraktionschefin Renate Künast aus einem ganz anderen Grund. Ihr fiel anlässlich des Spatenstiches für den BBI-Airport ein, dass Diepgen sie früher in einer der zahllosen Debatten über dessen Sinn und Nutzen als „Giftspritze“ bezeichnet hat. Auch Eberhard Diepgen erinnerte sich an die Debatten – aber die „Giftspritze“ war ihm entfallen.

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