Berlin : Appetit auf Tafelspitz und T-Bone-Steak

Annette Kögel

Plötzlich erscheinen diese furchtbaren Bilder wieder vorm geistigen Auge: zusammenbrechende Rinder mit Schaum vorm Mund, Massenschlachtungen, Verbrennungen, Knochenberge. Im November 2000 wurden die ersten BSE-Fälle in Deutschland bekannt - und den Verbrauchern war der Appetit auf Tafelspitz und T-Bone-Steak vergangen. Was liegt heute, ein Jahr danach, noch aus an Berlins Fleischertheken? Was kommt aufs Brötchen und in die Pfanne? Wir haben uns in der Stadt umgesehen. Aber zunächst eine kleine Gedächtnisstütze.

Zum Thema Rückblick: Der Beginn der BSE-Krise in Deutschland Wie war das genau mit BSE?

BSE ist die Abkürzung von "Bovine Spongiforme Enzephalopathie" - eine schwammförmige Gehirnerkrankung bei Rindern. Verursacht durch krankhaft verändertes Eiweiß, das wiederum Auslöser der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen sein sollen. Besonders viele dieser Prionen sind in Hirn und Rückenmark nachweisbar. Bei der Schlachtung besteht die Gefahr, dass die Erreger aus den beschädigten Wirbelsäulenknochen ins Fleisch dringen. Als Auslöser der Krankheit gilt die Verfütterung von Tiermehl - Mastvieh wurde sozusagen mit seinesgleichen gefüttert. Tiermehl in die Tröge von Wiederkäuern zu schütten, ist inzwischen verboten. Zeitlich befristet, bis Mitte nächsten Jahres. Verschiedene EU-Länder wollen die Regel gern aufweichen.

Essen die Leute noch Rind?

Anfangs war ihnen der Appetit mächtig vergangen. Großhandel, Fleischereien und Supermärkte, aber auch Restaurants und Fast-Food-Ketten verzeichneten Umsatzeinbrüche von bis zu 80 Prozent. Statt Kalbssteak aßen die Leute Schweineschnitzel und Hühnerfrikassee, Pferdewurst und Straußenfilet. Inzwischen fragt kaum noch jemand im Laden danach, ob in der Wurst womöglich Rindfleisch enthalten sei - aber das Niveau von Zeiten vor BSE ist noch nicht wieder erreicht. Nach Auskunft der Fleischerinnung befindet sich der Rindfleisch-Verkauf auf etwa 80 Prozent des alten Levels. Auch bei der Otto Reichelt AG ist der alte Verkaufsumfang noch nicht wieder ganz erreicht, es gibt auch weiter eine leichte Verschiebung des Kundenwunsches hin zu Schwein und Geflügel.

Haben Bio-Läden profitiert?

Vor einem Jahr schon - da bildeten sich lange Schlangen vor den Theken bis auf den Bürgersteig. "Die wahren Verlierer der BSE-Krise sind wir", so sieht das Reinhard Manger, Einkaufsleiter beim Großhändler "Bio Fleisch Nord Ost": "Der klassische Biokunde ist wieder Vegetarier geworden, und der Gelegenheitseinkäufer hat ein Kurzzeitgedächtnis und kauft jetzt wieder konventionell". Also unter dem Strich sogar ein Umsatzrückgang zwischen fünf und zehn Prozent - trotz der immer noch um rund 20 Prozent gestiegenen Nachfrage nach dem gesetzlich genau definierten Bio-Fleisch.

Ist Rind teurer geworden?

Ja, in einigen Geschäften, denn die Betriebe müssen seit Jahresbeginn die Kosten für BSE-Tests und Entsorgung der Abfälle selbst tragen. In den insgesamt rund 120 Fleischereien in Berlin zahlt man aber etwa wieder das gleiche wie vor BSE, sagt die Geschäftsführerin der Innung, Simone Schiller. "Die Konsumenten wollen einfach nicht mehr Geld für Fleisch und Wurst ausgeben." Dafür freuen sich aber viele kleine Fachgeschäfte an der Ecke, dass manch Kunde den Auslagen seines Metzgermeisters mehr vertraut als dem abgepackten Stück in der anonymer wirkenden Supermarkt-Vitrine.

Gingen Arbeitsplätze verloren?

Leider, unter anderem in Berlins kleinen Fleischereien mit jeweils durchschnittlich zehn Beschäftigten. Vereinzelt mussten Mitarbeiter entlassen werden.

Warum wirbt keiner mit Tests?

Das ist gesetzlich untersagt. Weil jetzt alle testen müssen - und es wegen der langen Inkubationszeit ein Restrisiko gibt: Auf BSE getestet heißt deswegen nicht automatisch BSE-frei. Lebensmittelketten wie Reichelt, die freiwillig auch unter 24 Monate alte Tiere checken lassen, ärgert das natürlich. Generell muss aber an der Theke oder der Verpackung zu lesen sein, wo das Tier geboren, gemästet, geschlachtet und zerlegt wurde.

Wo wird die Probe untersucht?

Die Hirne der beim Treptower Schlachter Staske getöteten Tiere werden im Institut für Lebensmittel, Arzneimittel und Tierseuchen (Ilat) in Mitte untersucht. Je nach Methode kostet das Verfahren zwischen 22 und 165 Mark, beim Ilat sind es 150 Mark. Nach Auskunft der Senatsgesundheitsverwaltung wurden seit dem 6. Dezember 2000 insgesamt 203 Tiere im Ilat getestet. 57 Rinder unter und 28 über 24 Monate sowie 26 Ziegen, 18 Schafe, drei Mal Dammwild. In Deutschland gab es bis 15. November 122 BSE-Fälle, davon zwei in Brandenburg. Und keiner in Berlin, zum Glück.

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