Berlin : Aprés CSD: Die Herzen sind verglüht - willkommen im Alltag

oew/ses

Rote Herzen glühen am Nachthimmel. Fünf, sechs Mal hintereinander sprühen die Funken in dieser Form auseinander. Ades Zabel, Kopf der Comedy-Truppe "Die Teufelsberger", juchzt auf der Bühne übertrieben ins Mikro: "Wie schön." Rund 30.000 stehen, trinken und feiern nach Mitternacht am Großen Stern den Christopher Street Day. Zum ersten Mal endet die Parade mit einem Fest am Fuß der Siegssäule und zum ersten Mal glüht am Schluss ein Feuerwerk am Nachthimmel.

Zu diesem Zeitpunkt haben die Gastronomen an ihren Ständen ihr Geschäft bereits gemacht. So gefragt ist die China-Pfanne sonst selten: Dutzendweise drängen sich hungrige Paradierer vor den Zeltdächern, unter denen die Glasnudeln in großen Pfannen dampfen. Die schwitzenden Service-Kräfte kommen mit dem Verkauf kaum hinterher. In der kollektiv knutschenden Masse gabeln sie gruppenweise des fernöstliche Mahl. Stärkung für die lange Nacht nach der langen, sehr langen Parade.

Längst nicht alle wollen weitere sechs Stunden unter dem freien, aber unbeständigen Himmel ausharren. Fünf Stunden hat der Zug durch die Innenstadt auf der rekordverdächtig langen Demo-Route gedauert. Zeit, um die Beine hochzulegen oder einen heißen Kaffee im Berio zu trinken. Die Clubs und Partys locken. Das Connection in Schöneberg, sonst eine eindeutige Männerdomäne, öffnet seine Türen auch für Frauen. In der Kulturbrauerei beginnt eine Riesen-Fete mit gleich sechs Tanzflächen. Und die Info-Box am Potsdamer Platz ist zur Cocker-Party gerappelt voll.

"Bleiberecht für alle", fordert die Polit-Tunten-Fraktion von SO 36 und SchwuZ auf ihrer eigenen CSD-Demo in Kreuzberg im Anschluss an den großen Homo-Umzug, entsprechend multinational setzt sich das Publikum auf der anschließenden Party im und besonders vor dem SO 36 zusammen. Die hartnäckige schwul-lesbische Besetzung über 300 Meter Oranienstraße bringt kurz nach Mitternacht den vermutlich einzigen Aufritt unfreiwilliger Uniformträger an diesem Homo-Party-Abend: Frustriert marschiert eine Staffel Polizisten im Stechschritt Richtung Mannschaftswagen, nachdem auch der dritte Versuch, die lesbisch-schwule Feierfamilie von der Fahrbahn zu drängen, fehlgeschlagen ist. Drinnen legt DJane Ipek Techno und türkischen House auf, draußen spielen Glanz und Elend der typischen CSD-Beziehungsdramen: Eine herbe Niederlage ist zum Beispiel, wenn das Objekt der Begierde dem mitgebrachten besten Freund den Vorrang gibt. Glück hingegen, wenn hinterher noch Allesandro, Pjotr, Firat, Hans und Ivano kommen. Trost von Fremden. Und wenn deren erster Wohnsitz innerhalb der Grenzen der EU liegt, stehen die Chancen auf ein Wiedersehen nicht schlecht. Die anderen müssen draußen bleiben. Das würden Kreuzberger Tunten gerne ändern. Siehe oben.

Die roten Herzen sind verglüht. Ades Zabel erklärt an der Siegessäule die Demonstration offiziell für beendet, "amüsiert euch rechts und links im Tiergarten". Die Massen waten lieber durch die verbliebenen Pfützen auf dem Aspahlt oder spazieren in allen Richtungen über die leeren Straßen. Touristengruppen sammeln sich in Höhe der Nordischen Botschaften: Northeim, hier sammeln, heißt es da, oder: Was echte Thüringer sind, die feiern weiter; am Stammtisch oder der Hotelbar. Lesben und Schwule sind hier wieder in der Minderheit. Die rauschende Party ist vorbei. Willkommen zurück im Alltag.

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