Berlin : Aquarelle über Wasser

Die Oberbaumbrücke wurde zur Open-Air-Galerie

-

Ursel Arndt gerät im frischen Wind hoch über dem Wasser ins Schwärmen: „Die schönste Brücke von Berlin, die schönste Aussicht, und überhaupt die schönste Abenddämmerung!“ Ursel Arndt ist Kreuzberger Künstlerin. Sie hätte am Sonntag nur zu gern ihre dreidimensionalen StickereiSkulpturen von Frauenkörpern ausgestellt: auf ihrer geliebten Oberbaumbrücke. Aber die junge Frau hat zu spät von der ersten Open-Air-Galerie Art-Brücke gehört. Rund 80 andere Künstler aber stellen ihre Werke aus: Ölbilder, Aquarelle, Fotografien, Stickereien: Die Oberbaumbrücke ist zum ersten Mal eine Brücke der Künste.

Nun soll sich hier in noch nicht absehbarem Rhythmus ein Kunstmarkt etablieren, am Sonntag wurde der „Versuchsballon“ gestartet. Organisator Ümit Bayam vom Stadtteilausschuss Kreuzberg hofft, dass irgendwann regelmäßig Künstler ihre Werke ausstellen können, denkt an Vorbilder wie Sacre Coeur in Paris oder auch die Karlsbrücke in Prag. Nicht Schnickschnack, sondern wirkliche Kunst soll geboten werden, aus Galerien und Werkstätten in Berlin arbeitender Künstler. Anderes hätte die Stadt hier nicht verdient, sagt Bayam. Mit einer Open-Air-Galerie könne sich die Oberbaumbrücke nach Ansicht der Veranstalter weiter im Bewusstsein der Berliner verankern. Schon das traditionelle Brückenfest im Juni, auch die merkwürdigen Wasser- und Gemüseschlachten zwischen Kreuzberger und Friedrichshainer Autonomen – die Brücke ist immer häufiger im Gespräch und wird wie keine andere in Berlin geliebt. Es gibt zwischen den Stationen Schlesisches Tor und Warschauer Straße regelrechte Partyfahrten, die Leute fahren vorzugsweise im abendlichen Dämmerlicht in der U-Bahn hin und her und zelebrieren fast andachtsvoll das Brückenerlebnis. Nirgends sonst wirkt der Blick auf die Spree so aufregend. „Das Licht lässt die Leute innehalten“, bestätigt Regine Reinhardt, die auf der Brücke gestickte Bilder anbietet. Etliche Künstler sind nicht ganz zufrieden, anstelle von Ölbildern verkauft die Schöneberger Malerin Brigitte Wolf bis zum Mittag „wenigstens ein paar Postkarten“.

Von der Brücke pilgern wieder Hunderte zur „Sandsation“-Ausstellung der Sandkünstler. Wegen des großen Andrangs wurde die Schau bis zum 27. Juli verlängert. Aber der herangekarrte Sand, der das Spreeufer wie einen Ferienstrand aussehen lässt, bleibt bis September.C. v. L.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben