Berlin : Arbeit in den Sternen

Europa plant das Satellitennavigationssystem Galileo. Berliner Unternehmer wollen dabei sein

Rainer W. During

Ein Jogger stürzt mitten im Wald und bricht sich das Bein. Er drückt die Notruftaste seines Handys. Auf dem Bildschirm in der Rettungsleitstelle erscheint neben seinen persönlichen Daten auch die exakte Position. „Hilfe ist unterwegs“, signalisiert das Mobiltelefon dem Verunglückten – und kurze Zeit später sind die Sanitäter zur Stelle. Ein Beispiel für die vielseitigen Möglichkeiten, die das zukünftige europäische Satellitennavigationssystem Galileo eröffnet. Bei deren Umsetzung soll die Hauptstadtregion in der ersten Reihe stehen. Um die zahlreichen hier vorhandenen Potenziale auf den Kurs der neuen Technologie zu bringen, haben mehrere Fachverbände jetzt – wie berichtet – das Galileo-Anwenderzentrum Berlin gegründet.

Mit Galileo erhalten europäische Unternehmen die Chance, in einen bisher von den USA dominierten Markt vorzudringen. EU-Studien gehen davon aus, dass ab 2008 europaweit bis zu 140000 zukunftssichere Arbeitsplätze entstehen. Die beteiligten Firmen könnten bis 2020 Erträge in einer Gesamthöhe von 74 Milliarden Euro erwirtschaften. Das eröffnet auch vielen Unternehmen in Berlin-Brandenburg Chancen, gilt die Hauptstadtregion doch als Kompetenzzentrum in Sachen Telematik und Verkehrssysteme. Das Anwenderzentrum soll dafür sorgen, dass Berlin das viel beschworene Zukunftspotenzial in diesem Feld endlich auch einmal in handfeste Aufträge und Arbeitsplätze ummünzt.

Vor diesem Hintergrund entstand die gemeinsame Initiative der Berlin Brandenburg Aerospace Alliance (BBAA), des Verbandes der Geoinformationswissenschaft Berlin/Brandenburg (GEOkomm), des Verbandes Telematics PRO sowie des Forschungs- und Anwendungsverbundes Verkehrssystemtechnik Berlin. Unterstützt wird das Projekt von den Industrie- und Handelskammern der Region. 65 Firmen, 35 Behörden, elf Institute und Hochschulen sowie neun Verbände sollen den Initiatoren zufolge durch das Zentrum vernetzt werden. Besonders kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) sollen durch das Anwenderzentrum ermutigt werden, sich frühzeitig mit Galileo zu befassen.

„Das meiste Geld mit Galileo wird nicht im Weltraum, sondern mit den Anwendungen am Boden verdient“, sagt Michael Scheiding, Geschäftsführer der Astro- und Feinwerktechnik Adlershof. Der Satellitenspezialist mit 30 Beschäftigten hatte sich um Aufträge für die Galileo-Weltraumtechnik bemüht. „Das haben die Großen unter sich ausgemacht“, sagt Scheidling. Bei den Anwendungen hätten aber auch kleinere Firmen gute Aussichten, glaubt der Unternehmer.

Damit rechnet auch Dieter Balzer. Der Entwicklungsleiter der Aucoteam Ingenieurgesellschaft für Automatisierung und Computertechnik hat schon jetzt Ideen, wie sich die neue Satellitentechnik am Boden nutzen lässt. „Galileo wird eine viel genauere Ortung zulassen als bisherige Systeme“, sagt Balzer. „Damit kann man zum Beispiel große Bagger oder Tiefbaugeräte präzise fernsteuern, gerade in Umgebungen, in denen man aus Sicherheitsgründen keinen Fahrer einsetzen will.“ Die Pankower Ingenieurfirma mit 150 Mitarbeitern in Prenzlauer Berg setzt darauf, solche Konzepte bald umsetzen zu können. „Das Anwenderzentrum wird uns die Kooperation mit anderen Partnern erleichtern“, sagt Balzer.

Auf Kooperation sind die Firmen der Region angewiesen. Denn hier fehle im Vergleich zu Bayern „eine große Lok“, die wie die EADS „die ganze Flotte hinter sich herzieht“, sagt BBAA-Geschäftsführer Wolf Schöde. „Aber wir entwickeln dafür eine Vielzahl von Waggons. Zusammen haben wir eine Power, da müssen andere früh aufstehen.“

Doch am Gemeinschaftssinn hapert es noch, kritisiert Michael Sandrock von Telematics PRO. Er bescheinigt vielen Firmen „mangelndes Problembewusstsein für die Notwendigkeit von Kooperationen“. Weitere Gründe für die bisherige Zurückhaltung in Sachen Galileo sieht Sandrock in der meist schlechten Eigenkapitalausstattung und der fehlenden Zukunftsorientierung vieler KMU. Viele Unternehmen hätten einen Zeithorizont von „bestenfalls sechs Monaten“, während für Projekte wie Galileo vier bis fünf Jahre erforderlich seien.

Als ersten Schritt für ein Engagement der Region veranstaltet Telematics PRO die Infoveranstaltung „Was bringt uns Galileo?“ am 22. August in Cottbus (www.telematicspro.de). Unternehmer, Forschungsmanager und Ingenieure können sich hier über Zukunftschancen informieren. Zeitgleich startet der Ideenwettbewerb „Galileo 4u“. Die Sieger können sich im Rahmen eines verkürzten Verfahrens um Fördermittel der Senatswirtschaftsverwaltung bewerben.

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