Berlin : Arbeiten Hamburger Lehrer zwei Stunden mehr als Berliner Kollegen?

Susanne Vieth-Entus

Viel wird geredet über die angeblichen Ausstattungsvorsprünge der Berliner Schule. Es heißt, Berlins Lehrer müssten weniger Unterrichtsstunden absolvieren als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. Zuletzt hatte Schulsenator Klaus Böger (SPD) gestern im Tagesspiegel-Interview darauf hingewiesen, die Berliner müssten "schon wegen der anstehenden Neuordnung des Länderfinanzausgleichs" über die Lehrer-Arbeitszeit diskutieren. Dies bedeute, dass man etwa einen Vergleich der Stadtstaaten Berlin und Hamburg anstellen müsse.

Bei diesem Vergleich schneidet Berlin auf den ersten Blick gut ab: Obwohl hier die Lehrer vorübergehend ein bis zwei Stunden mehr arbeiten müssen - diese Stunden werden auf Arbeitszeitkonten gut geschrieben und demnächst erstattet- , liegt ihre Pflichtstundenzahl unter der der Hamburger Kollegen, wie eine aktuelle Tabelle der Kultusministerkonferenz für das laufende Schuljahr zeigt. Lediglich im berufsbildenden Bereich stehen die Berliner Lehrer etwas schlechter da, sofern sie jünger als 50 Jahre sind. Der Vergleich ist allerdings schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. So rechnet jedes Bundesland die Ermäßigungsstunden, die ihre Lehrkräfte etwa für die Betreuung der Schulbibliothek oder Computerbestände erhalten, auf unterschiedliche Weise in die Pflichtstundenzahl ein. Auch die Stundenreduzierung, die Schul- oder Fachleiter erhalten , wird verschieden erfasst.

Aus diesem Grunde führten oberflächliche Ländervergleiche meist in die Irre, kritisiert die GEW. Als Beispiel nennt sie eine Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) für das Jahr 1996, die schon die ehemalige Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD) gern zitierte, um Bögers Vorgängerin die "Daumenschrauben" anzulegen. Das DIW rechnete nämlich vor, dass Berliner Lehrer im Schnitt wesentlich weniger (21,6 Wochenstunden) unterrichten müssten als ihre Hamburger (24,2 Stunden) oder Bremer Kollegen (23,1).

GEW-Schulexpertin Ilse Schaad hält dagegen, dass das DIW Äpfel mit Birnen vergleiche, da die unterschiedliche Berechnung der Ermäßigungsstunden nicht berücksichtigt wurden. So habe es u.a. Drogenkontaktlehrer, sonderpädagogische und Sprach-Beratungsstellen, Erteilung von Religions- und Lebenskundeunterricht in den Ermäßigungsstundenpool für Berlin einbezogen, obwohl diese Sachverhalte in anderen Bundesländern nicht im Schulhaushalt verrechnet werden.

Wenn man gleiche Maßstäbe anlegt, ergibt sich laut einer GEW-Berechnung, dass Berlin mit acht Prozent Ermäßigungsstunden schlechter als die meisten anderen Bundesländer ausgestattet ist (Hamburg: 13,2 Prozent, Bremen 12,7). Sofern Berlin bei den Ermäßigungen etwa das Niveau Baden-Württembergs erreichen wollte, müsste es laut Ilse Schaad allein für die Altersermäßigung 387 und für die Schulleiter-Ermäßigung über 1000 Stellen zusätzlich erhalten. Insofern lasse sich der Eindruck von der angeblich besseren Ausstattung Berlins schnell aus der Welt schaffen.

Noch hat Berlin eine "Galgenfrist", um das Bild von der angeblichen Luxusausstattung ihrer Schulen zu korrigieren: Der bisherige Länderfinanzausgleich gilt laut Senat bis Ende 2004. Allerdings haben die Verhandlungen der Experten bereits begonnen.

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