Berlin : Arbeitslose Bauarbeiter wollen nicht weg aus Berlin

Lebensqualität und Schattenwirtschaft reizen Maurer und Zimmerleute zum Bleiben

Sandra Dassler

Lieber arbeitslos in Berlin als schlecht(er) bezahlt in der Fremde. Mit dieser einfachen Formel lässt sich nach Meinung von Axel Wunschel, Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg, das Verhalten vieler Bauarbeiter in der Hauptstadt beschreiben. Schon seit Jahren registriert Wunschel, dass Maurer, Zimmerleute oder Stuckateure aus Brandenburg eher bereit sind, auf der Suche nach Arbeit in die alten Bundesländer oder auf Montage zu gehen. Die meisten ihrer Berliner Kollegen hingegen halten offenbar wenig von Mobilität.

„Das liegt natürlich zum einen daran, dass man die Lebensqualität in der Hauptstadt als sehr hoch und angenehm empfindet“, sagt Wunschel. „Zum anderen reichen aber die Löhne, die beispielsweise in Brandenburg gezahlt werden, nicht aus, um in Berlin über die Runden zu kommen.“ Auf Nachfrage nennt Wunschel noch einen weiteren Grund für die Sesshaftigkeit der Berliner Bauarbeiter. In der Anonymität der Großstadt sei es einfacher, zum einen Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe zu kassieren und sich gleichzeitig ein Zubrot zu sichern: durch Schwarzarbeit. „Damit kann man zu einem Einkommen gelangen, dass durchaus nicht unter dem Lohn der fest angestellten Kollegen liegt“, meint Wunschel. Natürlich sei nicht jeder arbeitslose Bauarbeiter zugleich ein Illegaler. Doch Experten schätzen, dass jeder zweite im Berliner Bau Beschäftigte schwarzarbeitet.

Der Sprecher der Fachgemeinschaft Bau, Norbert Nickel, präsentiert eine einfache Rechnung, um zu belegen, dass die Schwarzarbeit gewaltig zugenommen hat: „In diesem Jahr ist das Bauvolumen in der Hauptstadt um vier bis fünf Prozent zurückgegangen. Zugleich haben aber die Berliner Baubetriebe ein Umsatzminus von 20 Prozent verzeichnet.“ Die Differenz kommt nach Nickels Ansicht keinesfalls nur dadurch zustande, dass immer mehr Bauaufträge an Firmen vergeben werden, die nicht in Berlin ansässig sind. Vielmehr wächst die Schwarzarbeit, aber auch die Konkurrenz durch Billiganbieter aus den osteuropäischen Ländern. Damit können Mittelständler nicht konkurrieren. Während Berliner häufig über die „Nachbarschaftshilfe“ zu Schwarzarbeitern werden und polnische Trupps von Mund-zu-Mund-Propaganda leben, haben sich andere Formen der Schwarzarbeit längst in mafiösen Strukturen etabliert.

Die Kontrollen der Arbeitsämter hält Nickel für „Alibi-Veranstaltungen“. Sie seien viel zu selten, oftmals gäbe es im Vorfeld Indiskretionen. Am Kontrolltag präsentierten sich die Baustellen dann häufig ganz verlassen. Seit Jahren plädieren die Verbände deshalb für einheitliche Chipkarten für alle Bauarbeiter – ohne Erfolg. Mit den „Ich-AGs“ werden die Möglichkeiten des Preisdumpings noch größer, meint Nickel: „Wenn ich ein kleiner Unternehmer wäre, würde ich doch auch überlegen, ob ich meine zehn Angestellten nicht entlasse und sie dann mit entsprechenden Aufträgen versorge. Da spare ich sämtliche Sozialabgaben.“

Dass die Verbände wegen der Schwarzarbeit Alarm schlagen, hält Rainer Knerler für heuchlerisch. Der Geschäftsführer der IG Bau Berlin bezweifelt zwar nicht die hohe Zahl der Illegalen, ist aber sicher, „dass viele Berliner Firmen, die in beiden Verbänden organisiert sind, selbst Schwarzarbeiter beschäftigen“. Deshalb, aber auch angesichts der bevorstehenden EU-Osterweiterung werde sich der Abbau von Arbeitsplätzen weiter verstärken. Bereits heute ist die Lage dramatisch: Seit 1995 hat sich die Zahl der gewerblichen Bauarbeiter in Berlin und Brandenburg von 50 000 auf 14 000 verringert. Eine Trendwende ist nicht in Sicht.

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