Berlin : Arbeitslosigkeit unter Türken: Der Amtsschimmel hat nur wenig bunte Flecken

Amory Burchard

Was kann eine Stadt tun, in der 42 Prozent der Türken im erwerbsfähigen Alter arbeitslos gemeldet sind? Öcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Abgeordnetenhaus, sagt: "Die Stadt soll mehr türkischstämmigen Jugendlichen einen Ausbildungsplatz geben." In den letzten Jahren aber sei die Zahl der Verwaltungs-Lehrstellen für junge Migranten - nicht nur für türkischsprachige - gesunken.

Dabei bräuchten die Berliner Behörden viele mehrsprachige Mitarbeiter, sagt Mutlu. Damit die ausländischen Bürger in den Ämter auf Menschen treffen, die ihrem religiösen, kulturellen und sprachlichen Hintergrund sensibler begegnen. Und weil es Berlin als multikultureller Stadt gut zu Gesicht stünde, wenn sich diese Realität auch in ihren Behörden widerspiegeln würde.

In den Schulen spiegelt sich etwas anderes wider: Hier ist die Einstellungspolitik der späten 70er Jahre, verstärkt türkischsprachige Lehrer in die Klassen zu holen, offensichtlich erlahmt. Waren es 1980 rund 350 von insgesamt 30 000 Lehrern, sind es heute nur noch 112. Mutlu und seine Fraktion haben im November gefordert, arbeitslose türkischstämmige Lehrer bevorzugt einzustellen, weil diese die Probleme türkischer Kinder besser kennen und Brücken zwischen den Kulturen bauen könnten. Im Februar 2001 sei ein entsprechender Antrag mit den Stimmen von CDU und SPD abgelehnt worden.

Die Polizei ist mit der Integration türkischstämmiger Berliner etwas weiter als andere Behörden. Zwischen 1988 und 2000 wurden 100 Türkinnen und Türken eingestellt. Spätestens am Ende ihrer dreijährigen Ausbildung sollen sie die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen und die türkische abgelegt haben, um Beamte werden zu können. Dazu kommen mindestens ebenso viele vor dem Beginn der Ausbildung eingebürgerte Deutsche türkischer Herkunft, schätzt Bernd Böttcher, bei der Landespolizeischule zuständig für die Nachwuchsförderung. Eingebürgerte aber werden nicht statistisch erfasst. Sie gelten bei der Polizei als Deutsche "mit Kultur- und Sprachkenntnissen, die wir uns zunutze machen wollen".

Im November 1999 hatte die Polizei eine Werbekampagne gestartet. Auf Plakaten, Faltblättern und Aufklebern hieß es: "Für türkische Berliner stehen die Sterne bei der Polizei besonders gut." Erfolgreich war die Aktion nicht, sagt Böttcher. Die Bewerberzahlen blieben konstant - niedrig. Von allen türkischen Vereinen und Initiativen, denen die Landespolizeischule Informationsveranstaltungen anbot, meldete nur der Türkische Bund Berlin Brandenburg (TBB) Interesse an. "Das hat uns ein bisschen enttäuscht", sagt Böttcher. Im März 2000 kamen schließlich 70 Jugendliche zu einem Abend mit dem Polizeihauptkommissar. Zehn bis fünfzehn von ihnen hätten dann den Einstellungstest gemacht, sagt Alisan Genç vom TBB.

Genç wirbt weiter für den Dienst bei der Polizei und anderen Behörden. "Wir müssen die Jugendlichen auf andere Ideen bringen", sagt er. Junge Türken haben von 500 Berufen, die für Haupt- und Realschüler in Frage kommen, fünf im Kopf: Arzthelferin, Frisöse, Tischler, Kfz-Mechaniker, Maler und Lackierer, Heizungs- und Sanitärmonteur. Diese Jobs haben ihre Verwandten oder Geschwister gelernt. Sozialarbeiter vom TBB bringen ihnen Laufbahnen im öffentlichen Dienst, aber auch Berufe wie PC-Assistent und Assistentin für Bürodokumentation nahe.

Konkrete Zahlen türkischsprachiger Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sind landesweit kaum zu bekommen. In der Innenbehörde, sagt Sprecher Hartmut Rhein, gebe es "etliche türkischstämmige Kollegen". Sachbearbeiter, Referenten - nur noch keine Abteilungs- oder Referatsleiter. Im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg haben sich Abteilungsleiter die Mühe gemacht, ihre türkischen und türkischstämmigen Mitarbeiter zu zählen. Von rund 5000 Beamten, Angestellten und Arbeitern kommen 126 aus der Türkei. Eingesetzt werden sie vor allem im Wohnungs- und im Sozialamt, in der Jugendarbeit und bei der Ausländerberatung. Dort, sagt Bezirksamts-Sprecher Stefan Krautschik, seien deutsch-türkische Sprachkenntnisse gefragt. "Es gibt aber auch eine Kollegin im Rechtsamt." Der Anteil von türkischsprachigen und anderen ausländischen Mitarbeitern sei aber immer noch zu gering. Türkische Bewerber hätten in vielen Bereichen größere Chancen als deutsche.

Öcan Mutlu erinnert sich: Anfang der 90er Jahre saß er als Grüner in der BVV Kreuzberg. Damals gab es zwei türkischstämmige Auszubildende. Nach einer Grünen-Kampagne waren es schnell 15 Azubis. "So eine Kampagne bräuchten wir jetzt wieder."

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