Berlin : Arbeitslosigkeit unter Türken: "Wie in einer großen Familie"

Annette Kögel

Cenk Bellican versteht sein Geschäft. "Wenn jemand nur Tee trinken und nicht gleich etwas kaufen will, ist er bei uns auch willkommen", sagt der 24-jährige Auszubildende. Wenn aber ein Käufer den Laden mit einem neuem Radiorecorder oder einem Kühlschrank verlässt, dann bekommt er meist noch einen Kugelschreiber, eine Reisetasche - oder auch mal ein Bügeleisen oben drauf. "Der Kunde soll nicht zufrieden gestellt, er soll begeistert werden", gibt der angehende Kaufmann im Einzelhandel den Leitspruch seines Arbeitgebers wieder. "Manolya", die Magnolie, so heißt der Fachhandel für Unterhaltungselektronik mit Sitz an der Weddinger Prinzenallee 89 - eines der führenden Berliner Unternehmen in türkischer Hand, das Lehrlinge ausbildet.

"Ich hatte in meiner Jugendzeit selbst Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden", erinnert sich Firmen-Inhaberin Dilek Sari, die den ihren Angaben nach größten Radio- und Fernseh-Markenfachhandel der Stadt mit ihrem Mann, Geschäftsführer Sabahattin Sari, leitet. Heute arbeitet der Betrieb mit 55 Mitarbeitern in vier Filialen längst mit jenen Großen der Branche wie Siemens oder AEG zusammen, die einst Saris Bewerbungsschreiben samt Absage zurücksandten. Auch Cenk musste viele solcher Briefe aus dem Kasten holen. "Frustrierend" sei das, fügt Deniz Bilgiç hinzu, 20-jähriger "Manolya"-Auszubildender im zweiten Lehrjahr. Sechs "Azubis" lernen derzeit den Beruf des Einzelhandelskaufmanns bei dem türkischen Fachgeschäft. Immer noch eine Ausnahme in Berlin.

So gibt es zwar nach Auskunft von Ahmet Ersöz, Pressesprecher der Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung, rund 5500 türkische Betriebe mit 20 000 Mitarbeitern in Berlin - doch gerade mal 100 davon bilden Nachwuchs aus. Warum nur so wenige? "Die meisten sind Ein-Mann-Betriebe wie Imbisse oder Gemüseläden und deshalb froh, wenn sie sich selbst über Wasser halten können", sagt Dilek Sari. Andere erfüllen die Sabahattin Saris Überzeugung nach zu strengen bürokratischen Ausbildungs-Voraussetzungen nicht. "Wenn jemand 15 Jahre als Friseur in der Türkei gearbeitet hat und noch mal so lange in Deutschland, besitzt er wegen der fehlenden deutschen Papiere noch lange nicht die Ausbildereignung."

Die Firma "Manolya" hat sich vor zwei Jahren dazu entschlossen, sechs Mitarbeiter bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) zur Ausbilder-Qualifikation zu schicken. "Wir hatten schon seit Jahren Praktikanten im Haus, jetzt wollten wir aber gern auch die eigenen Leute ausbilden", sagt Inhaberin Sari. Das, was die Kundschaft in den Großmärkten vermisst, will "Manolya" bieten: Fachberatung. Sechzig Prozent der Kunden sind Türken, dreißig Prozent Deutsche, die übrigen zehn Prozent etwa aus Russland und Polen. "Hos Geldiniz - Herzlich willkommen" steht auf dem zweisprachigen Schild an der Eingangstür.

So profitieren Inhaber und Kundschaft davon, dass Cenk Bellican, Deniz Bilgiç und die anderen vier Auszubildenden zweisprachig aufgewachsen sind. "Ich beherrsche die deutsche Sprache sogar besser als meine Mutterstrache", sagt die 21-jährige Derya Canyigit. Wie Michael Demirdag besitzen alle "Manolya"-Lehrlinge einen deutschen Pass oder die doppelte Staatsbürgerschaft - aber das helfe einem bei der Bewerbung bei deutschen Arbeitgebern auch nicht weiter, haben die jungen Deutsch-Türken erfahren.

Trotz ausgezeichneter Realschul-Zeugnisse fanden sie nach der Schule erst keine Lehrstelle. Sie halfen sich mit Jobben über die Runden, besuchten die Berufsfachschule oder andere berufliche Warteschleifen an Oberstufenzentren. "Aber gerade das hat mir imponiert. Dass sie gekämpft und nicht aufgegeben haben", sagt die Chefin.

Anderen fällt das schwerer. Nach Auskunft des Landesarbeitsamtes suchen jährlich 1800 junge Türken einen Ausbildungsplatz. 20 400 arbeitslose Türken sind beim Amt registriert, davon sind 2568 Jugendliche unter 25 Jahren. Damit auch sie künftig eine Chance haben, sich dank einer Berufsausbildung ins gesellschaftliche Leben zu integrieren, müssen IHK und Handwerkskammer Ausbilderscheine ohne viele bürokratische Hürden vergeben, appelliert Sabahattin Sari. "Viele Türken wissen zudem gar nicht, was für Fördermittel es gibt, da müssten die Senatsverwaltungen verstärkt über die Botschaft und türkische Medien informieren."

Die Lehrlinge im Betrieb "Manolya" sind offensichtlich sehr zufrieden mit ihrem Betrieb. Neben Nurettin Yapici gibt es vier weitere Ausbilder. "Man fühlt sich hier wie in einer großen Familie. Auch, wenn man mal private Probleme hat, findet sich eine Lösung", sagt Cenk, der bald als Experte für den deutschlandweiten Internet-Verkauf übernommen werden soll. Die Lehrlinge können vergleichsweise selbstständig arbeiten, bei den Lieferanten einkaufen - und sogar die Preise mit den Kunden selbst ausmachen. Denn auch Cenk weiß längst: "Wenn ein türkischer Kunde nicht handeln kann, wird er beim Einkauf nicht glücklich."

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