Berlin : Arbeitsmarkt: Chancen auch für ältere Erwerbslose

Sigrid Kneist

Mehr als 62 000 Menschen zwischen 50 und 60 Jahren sind in Berlin ohne Arbeit. Weit mehr als die Hälfte von ihnen zählt zu der Gruppe der Langzeitarbeitslosen, die also länger als ein Jahr beschäftigungslos sind. Vor allem für jene jenseits der 55 bedeutet Arbeitslosigkeit in der Regel den Abschied vom Berufsleben. Die Chancen wieder eingegliedert werden zu können, sind sehr gering. Entsprechend ist oft auch die Resignation der älteren Arbeitslosen, die sich mit dieser Tatsache abgefunden haben.

Nach Auffassung von Klaus Clausnitzer, dem Präsidenten des Landesarbeitsamtes, kann es so nicht weitergehen. Die demographische Entwicklung in der Bundesrepublik gehe dahin, dass schon in wenigen Jahren nicht mehr alle Arbeitsplätze zu besetzen seien, da nicht genügend Nachwuchs da sei. "Die zukünftige Alterspyramide lässt keinen Zweifel zu: Die Älteren werden gebraucht", heißt es in einem Papier des Landesarbeitsamtes.

Auch in Berlin, das derzeit die Talsohle bei der Arbeitslosenzahl erreicht habe, werde sich in einigen Jahren die Situation ändern. Bundesweit versucht derzeit die Bundesanstalt für Arbeit dieses Problem mit der Kampagne "50 plus - die können es" ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken. "Wir brauchen einen Bewusstseinswandel", sagt Clausnitzer. "Die Gesellschaft kann sich den Luxus nicht mehr leisten, Menschen vorzeitig in den Ruhestand zu schicken." Die Betriebe sollten die Möglichkeiten älterer Kräfte - Berufserfahrung und Sachkenntnis - nutzen. Das Problem des in zehn Jahren bevorstehenden Arbeitskräftemangels lasse sich über solche Lösungen wie derzeit mit der Green Card für IT-Kräfte nicht lösen. Sie sei keine anhaltende Lösung und auch kein Allheilmittel, zumal sie auf die IT-Branche beschränkt sei. Dies könne nur eine einmalige Sache sein.

Arbeitskräftemangel gibt es nach Clausnitzers Angaben derzeit beispielsweise in Süddeutschland bei Elektro- und Maschinenbauingenieuren. Das sei auch für hiesige ältere Fachkräfte eine Chance, sie müssten allerdings eine Bereitschaft zum Ortswechsel zeigen. Denn hier gebe es diese Stellen eben nicht. "Wenn die Arbeit nicht zu den Menschen kommt, dann müssen die Menschen zur Arbeit kommen", sagt Clausnitzer. Auch wenn jemand längere Zeit beschäftigungslos gewesen und deswegen auf seinem Gebiet nicht mehr auf dem neuesten Stande sei, lohne es sich noch, ihn gezielt zu qualifizieren.

Die Beweglichkeit der Arbeitnehmer lasse sich fördern - über Prämien etwa oder Fahrkostenbeihilfen. Auch wenn jemand seinen Wohnsitz in Berlin oder Brandenburg nicht aufgeben oder seiner Familie einen Umzug nicht zumuten wolle, sei es durchaus denkbar, zwischen Berlin und der neuen Arbeitsstelle zu pendeln. Hier sei auch zu überlegen, ob die Kosten für die Unterhaltung zweier Wohnsitze länger als bisher nur zwei Jahre steuerlich absetzbar sein sollten.

Ein Argument gegen die Beschäftigung älterer Arbeitnehmer sind häufig die Lohnkosten, die aufgrund der Tarifverträge meist deutlich über denen jüngerer Beschäftigter liegen. Hier sind nach Auffassung des Landesarbeitsamtschefs auch die Tarifvertragsparteien gefragt, sich adäquate Modelle zu überlegen. Zudem gibt es aber für Unternehmen auch die Möglichkeiten, bei der Einstellung Zuschüsse von den Arbeitsämtern zu bekommen.

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