Arbeitsmarkt : Mehr Jobs in Berlin – mitten in der Krise

Die Wirtschaftskrise hat den Berliner Arbeitsmarkt bisher nicht erfasst. In der Hauptstadt sind in den ersten drei Monaten dieses Jahres sogar deutlich mehr neue Jobs entstanden als im Vorjahreszeitraum. Und im Mai gab es 6000 Arbeitslose weniger.

Ralf Schönball
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Gesucht. Der Bedarf an Erzieherinnen – hier in einer Schöneberger Kita – ist nach Angaben der Arbeitsagentur derzeit besonders...

BerlinNach neuesten Zahlen des Amtes für Statistik waren 25.000 mehr Menschen beschäftigt als im ersten Quartal 2008. Das entspricht einem Zuwachs von 1,5 Prozent. Bundesweit kamen nur in Hamburg geringfügig mehr Stellen hinzu. Und die Besonderheit des Berliner Aufwärtstrends liegt darin, dass nicht nur Minijobs entstehen, sondern auch überdurchschnittlich viele nicht geförderte „echte“ Stellen mit Urlaubsanspruch und Beiträgen für die Renten- und Sozialkassen.

„In Berlin zeigt sich der Arbeitsmarkt noch weitgehend robust. Die Stadt profitiert nach wie vor von ihrer besonderen Wirtschaftsstruktur mit einem starken Dienstleistungssektor“, sagte Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit, auf Anfrage. Die Bundesagentur hat noch weitere gute Nachrichten vom Berliner Arbeitsmarkt: Auch im Mai sei die Zahl der Arbeitslosen in der Stadt um 6000 zurückgegangen. „Das ist ein gutes Signal“, sagte Haupt-Koopmann. Zumal die Berliner Arbeitsagenturen zurzeit außerdem noch über 8000 offene Stellen verfügen; das sind nur tausend weniger als im Mai vergangenen Jahres.

Dienstleistungen im Gesundheitssektor gefragt

„Ich bin zuversichtlich, dass Berlin insgesamt von der Krise nicht so stark getroffen wird wie Deutschland“, sagte Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) auf Anfrage. Berlins Vorteil liege in der größeren Unabhängigkeit von den produktionsnahen und exportorientierten Branchen wie der Automobilindustrie.

Besonders stark gesucht werden in Berlin nach Angaben der Bundesagentur Krankenschwestern und -pfleger sowie Physiotherapeuten, weil Dienstleistungen im Gesundheitsbereich zunehmend gefragt sind. Gesucht werden auch Hilfskräfte im Büro, Speditions-Disponenten, Call-Center-Agenten, Reiseverkehrskaufleute, sowie Erzieher und Lehrer.

Das Amt für Statistik meldet außerdem eine „überdurchschnittliche Zunahme an Arbeitsplätzen in den Bereichen Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleistungen“.

Geringe industrielle Kraft wird zum Vorteil

„In Krisen entwickeln sich die Arbeitslosenzahlen in Berlin und den neuen Bundesländern besser als in den wirtschaftlich starken westlichen Ländern“, sagt Karl Brenke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Er nennt es das „alte Phänomen“, wonach Länder mit geringer industrieller Kraft weniger anfällig sind für wirtschaftliche Einbrüche. Dies hat jedoch auch den Nachteil, dass die Stadt weniger schnell wächst, wenn die Konjunktur wieder brummt. Und noch etwas hat Berlin den anderen Bundesländern voraus: „Wir haben unsere Finanzkrise schon hinter uns“, sagt Brenke. Die Berliner Bankenaffäre und die Zerschlagung der Bankgesellschaft hatten viele Jobs im Finanzgewerbe gekostet. In anderen Ländern verlieren viele Banker erst jetzt ihre Arbeit – wegen der Finanzkrise.

Ganz unberührt von der weltweit schrumpfenden Nachfrage bleibt der Berliner Arbeitsmarkt nicht: Im Produzierenden Gewerbe waren im ersten Quartal dieses Jahres 3100 Menschen weniger beschäftigt als im Vorjahreszeitraum. Das entspricht einem Minus vom 1,4 Prozent. Zu dieser Branche gehören zum Beispiel die Werke von BMW, Mercedes und Siemens in der Stadt. Während Fahrzeughersteller eher unter den Folgen der Krise leiden, investierte Siemens vor wenigen Wochen 15 Millionen Euro in die Erweiterung ihres Gasturbinen-Werkes und schafft dort 200 Arbeitsplätze.

Dass die Krise nicht stärker auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, dürfte auch an der „Kurzarbeit“ in 600 Betrieben mit gut 10 000 Mitarbeitern liegen – Ende Dezember waren davon nur 1400 Arbeitnehmer betroffen. „In Relation zur Gesamtbeschäftigung sind es im Bundesdurchschnitt aber etwa viermal so viele“, sagt Wirtschaftssenator Wolf und verweist auf den leicht gestiegenen Umsatz der Berliner Industrie in diesem Jahr.

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