Berlin : Arbeitsmarkt: Nicht arbeitslos - arbeitssuchend

Christine Berger

Wieviele Bewerbungen Hans-Jürgen Macholdt im Laufe seines Lebens geschrieben hat, weiß er nicht mehr. Tatsache ist, dass der 50-Jährige mit dem gepflegten Pferdeschwanz schon öfter in seinem Leben Leerlauf hatte. Erst war es der kaputte Rücken, der dem Job als Installateur ein Ende setzte, dann kamen nach der Umschulung zum Diplom-Kaufmann nur Absagen. Seit anderthalb Jahren nun versucht er im Berufsleben wieder Fuß zu fassen. Ohne Erfolg.

Doch ein leichter Hoffnungsschimmer ist in Sicht. Coaching heißt das Zauberwort. Alle paar Tage besucht Macholdt die Büroräume von "JOBconsult", einem Projekt für Langzeitarbeitslose in Steglitz. Hier wird er seit Mai von einem "Coach" betreut, mit dem Ziel, ihn durch intensives Bewerbungstraining und Zielorientierung fit für den ersten Arbeitsmarkt zu machen. "Hier werden meine Stärken herausgekitzelt", hat Macholdt festgestellt, der mittlerweile weiß, dass er nicht "arbeitslos" - sondern "arbeitssuchend" ist. Ein Begriffsunterschied, der Macholdt und anderen Kunden, wie sie bei JOBconsult genannt werden, ihre aktive Rolle einprägen soll.

Seine zunächst misstrauische Ablehnung gegen die x-te Bildungsmaßnahme hat Macholdt schnell abgelegt. Statt sich etwas von neuen Umschulungen zu versprechen, wird bei JOBconsult seit zwei Jahren auf das vorhandene Knowhow gebaut. "Hier kommen tolle Leute mit unglaublichem Potenzial an", hat Projektkoordinator Frank-Rainer Schurich festgestellt. Allein mit dem Selbstwertgefühl stehe es bei den meisten nicht zum Besten. Kein Wunder: Wer wie Macholdt seit Jahren auf Arbeitssuche ist, traut sich selbst kaum noch etwas zu.

"Bei uns gewinnen die Leute wieder Zutrauen", sagt Schurich und verweist auf die Erfolge des Unternehmens, das jährlich mit rund 3600 Mark pro Teilnehmer vom Arbeitsamt unterstützt wird. 560 Arbeitslose vom Arbeitsamt Süd-West plus 100 aus Spandau betreut Schurich derzeit mit acht Kollegen. "51 Prozent unserer Kunden verhelfen wir zu einem Job im ersten Arbeitsmarkt", berichtet der ehemalige Professor für Kriminalistik, der vor fünf Jahren ins Projektmanagement umsattelte. Rund zwanzig Prozent der vermittelten Jobs liegen außerhalb von Berlin und Brandenburg.

Für die Arbeitsämter ist das ein lukratives Ergebnis, weshalb jetzt auch das Arbeitsamt Ost auf die Zusammenarbeit mit JOBconsult setzt. Seit Mai werden in Marzahn 400 Langzeitarbeitslose nach dem gleichen Muster wie im Westen betreut. Für Schurich liegt das Interesse an seinem Projekt auf der Hand: "Beim Arbeitsamt muss ein Mitarbeiter 700 Arbeitssuchende betreuen, bei uns sind es nur hundert." Das gibt Zeit und Raum, um die Interessen und Ziele der Betroffenen genau zu ermitteln. Mit Fragebögen und Seminararbeit werden die Teilnehmer motiviert, sich mit den eigenen Stärken und Schwächen zu beschäftigen. Ein persönlicher Erfolgsplan listet auf zehn Seiten genau auf, was dem Einzelnen zum gesuchten Job verhelfen könnte. Dabei spielt auch die Bereitschaft zu Zeitarbeit, Außendienst oder Callcenter-Tätigkeiten eine Rolle.

Eine große Hilfe sind die guten Kontakte des Projekts zu Unternehmen. Regelmäßig finden Vorträge statt, Firmen stellen sich vor. "Mittlerweile rufen Arbeitgeber auch gezielt bei uns an, weil wir im Gegensatz zum Arbeitsamt unsere Leute genau kennen." Ist der Kontakt erfolgreich zustande gekommen, geben die Jobtrainer dem Bewerber Tipps für das richtige Verhalten beim Personalgespräch.

"Die meisten wissen gar nicht, dass Initiativbewerbungen sehr erfolgreich sein können", hat Schurich festgestellt. Vorhandene Netzwerke, zum Beispiel Bekannte und Verwandte, die erfolgreich im Berufsleben stehen, würden ebenfalls in vielen Fällen nicht ausreichend genutzt. Am meisten aber stutzt Schurich über manche Bewerbungsmappen. Grausige Fotos starren ihn an oder Rechtschreibfehler im Anschreiben. Schurich hat sich deshalb ein Spiel ausgedacht, mit dem er seine Kunden regelmäßig in die Falle lockt. Unter zehn Frauenfotos sollen sie eine "Mörderin" ausfindig machen. 90 Prozent tippen auf das immer gleiche Bild, eine Frau mit trübem Blick und zerzaustem Haar. Der wahren Mörderin, einer adretten Frau in den 30ern, kommt niemand auf die Spur. "So ist das auch mit Bewerbungsfotos", erklärt Schurich. Ein Foto, auf dem jemand mörderisch aussieht, vermittelt keinen positiven Eindruck. Bestes Beispiel: Eine Sozialarbeiterin hatte 300 Bewerbungen geschrieben, bevor sie zu JOBconsult kam. Nach dem Coaching und der Überarbeitung der Bewerbungsmappe inklusive der Fotos schickte sie zehn Bewerbungen raus. Wurde siebenmal zum Gespräch eingeladen und hatte hinterher einen Job.

Weil Schurich der Erfolg recht gibt und ihm der Job sichtbar Spaß macht, hat er noch ein anderes Betätigungsfeld entdeckt. Regelmäßig veranstaltet er auch Vernissagen mit Kunstwerken seiner Klienten. "Manche sind sieben Jahre arbeitslos, aber sie haben gemalt, gebastelt oder fotografiert." So auch Hans-Jürgen Macholdt. Seine Bilder in Schablonen-Spraytechnik schmücken derzeit die Wände des Aufenthaltsraumes. Eins heißt "Standortbestimmung". Es zeigt eilige Passanten mit Handys am Ohr. "Das passt zu uns", findet Schurich. Macholdt nickt.

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