Berlin : Archaisches Brodeln

Bürgermeister Buschkowsky und ein Sozialarbeiter warnen vor einem Scheitern der Integrationspolitik

Werner van Bebber

Nicht mal Anhänger der Multikulti-Ideologie behaupten, die deutsche Einwanderungspolitik sei ein Erfolgsmodell. Zu groß sind die Schwierigkeiten großer Einwanderergruppen. In Neukölln oder Mitte beherrscht die „Integrationskrise“ die Kommunalpolitik. Kaum jemand ist besser geeignet als der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, um ein Buch vorzustellen, das vom „Abschied von Multikulti“ handelt und Wege aus der Integrationskrise weisen will.

Die Thesen des Buches werden diejenigen nicht überraschen, die sich mit der alltäglichen und praktischen Einwanderungspolitik befassen. Einwanderung kann nicht ohne Sprache funktionieren. Integration wird unmöglich, wenn die Einwandernden sich für das Land nicht öffnen, das ihr Zuhause wird. Parallelgesellschaften verhindern die Integration, das Satellitenfernsehen ebenfalls. Familiennachzug – die Suche nach der passenden Ehefrau im Herkunftsland der Eltern – kann dazu führen, dass die Integrationsprobleme mit jeder Einwanderergeneration von vorn beginnen. All das, sagte Buschkowsky, seien keine neuen Erkenntnisse. Sie fänden sich in Untersuchungen zur Integration, die jahrealt seien. Für den Neuköllner Bürgermeister, der in die Integrationsdebatte eine neue Ehrlichkeit gebracht hat, stellt sich die Frage: Wenn so viele Integrationsprobleme immer wieder diskutiert worden sind – warum ist so wenig geschehen?

Für den Neuköllner SPD-Politiker ist eines sicher: Wenn es so weitergeht mit den Parallelgesellschaften, stehen in Berlin und anderen großen deutschen Städten französische Verhältnisse bevor – nächtelange Randale, inszeniert von jugendlichen Migranten, die ihren Frust in Zerstörungswut umsetzen. Damit Buschkowsky in seinem Hang zu Zuspitzung nicht gleich die Buchvorstellung dominierte, kam ein Quartiersmanager aus dem Rollberg-Viertel zu Wort. Doch Gilles Duhème, der seit fünf Jahren im Rollberg-Kiez arbeitet, sieht die Dinge fast genauso wie der Bürgermeister. Vor allem ist dem Sozialarbeiter mit französischem Pass bewusst, dass ohne Bildung nichts geht bei der Integration. Man kämpfe im Rollberg gegen „Archaismus“, das Patriarchat, gegen alte Bräuche und gegen Aberglauben, so Duhème. Und ihn habe „entsetzt“, was in Jahrzehnten politisch diskutiert und dann nicht getan worden sei. Was ihn aber zuversichtlich stimme, sei etwas, das die Deutschen etwa von den Franzosen unterscheide – ihre Suche nach Konsens. Deshalb bekomme man zuletzt doch alle an einen Tisch und könne über Notwendigkeiten reden.

Buchautor Stefan Luft hat sich den Rollberg angesehen. Zwei Berliner Projekte hob er bei der Vorstellung seines Buches besonders hervor: die Neuköllner „Stadtteilmütter“ und die „Integrationslotsen“, die sich in Mitte um problematische Jugendliche persönlich kümmern. Doch vor allem müsse man Eltern vermitteln, dass es so etwas wie eine Pflicht zur Integration gebe, sagte Luft. Sonst seien französische Verhältnisse wohl nicht zu verhindern.

Stefan Luft: Abschied von Multikulti. Wege aus der Integrationskrise. Resch-Verlag, Gräfelfing 2006. 477 Seiten, 19,90 €

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