Berlin : Architekt der Stalinallee

Zum 100. Geburtstag von Hermann Henselmann

Jürgen Tietz

Kein anderer Architekt der DDR war zu seinen Lebzeiten so prominent wie Hermann Henselmann. Unter seiner Bekanntheit mussten gelegentlich auch seine Kollegen leiden. Etwa wenn behauptet wurde, die Stalinallee sei vor allem das Werk von Henselmann. Dabei war er erst nachträglich zu dem Projekt hinzugezogen worden. Doch Henselmanns Bauten an der Stalinallee zeigen auch, warum er so erfolgreich war: Seine Turmhäuser am Strausberger Platz (1952/53) und vor allem am Frankfurter Tor (1955/60) sind gebaute Persönlichkeiten mit der Qualität von Berliner Wahrzeichen.

1905 in Roßla am Harz als Sohn eines Holzbildhauers geboren, studierte Henselmann 1923 bis 1926 an der Berliner Kunstgewerbe Schule. Bereits sein erster Bau wurde 1930 zu einem internationalen Erfolg: die Villa Kenwin am Genfer See. Mit ihrem Flachdach und den kubischen Formen im Stil Le Corbusiers begründete sie Henselmanns Ruf als moderner Architekt. Ähnliche Häuser errichtete er später in Kleinmachnow. Doch mit dem Dritten Reich endete Henselmanns schneller Aufstieg zunächst, beruflichen Unterschlupf fand er während dieser Zeit – wie manche seiner Kollegen – beim Industriebau. Nach dem Zweiten Weltkrieg profilierte er sich beim Wiederaufbau der Weimarer Hochschule für Baukunst. Doch die Nagelprobe für seine weitere Karriere in der DDR wurde 1951 sein Berliner Haus an der Weberwiese. Henselmann fügt sich bei dem Hochhaus den politischen Vorgaben der DDR-Machthaber und verwirklicht es im Stil der „Nationalen Tradition“, die sich mit ihrem neoklassizistischen Duktus an den Arbeiten Karl Friedrich Schinkels orientierte.

Mit dem Haus des Lehrers bereitete Henselmann den Weg für einen Stilwechsel in der DDR-Architektur, fort vom Neoklassizismus der Stalinallee hin zu einer industriellen Bauweise im Stil der internationalen Moderne. Henselmann, zwischen 1955 und 1959 Chefarchitekt von Ost-Berlin, nutzte seinen Einfluss, um beim Bau der „sozialistischen Hauptstadt“ städtebauliche Zeichen zu setzen. So schlug er für den Marx-Engels-Platz 1958 eine Höhendominante vor – die Geburtsstunde des Fernsehturms.

Doch nicht nur für Berlin entwarf Henselmann Häuser wie Bilder. 1968 bis 1973 entstand das Leipziger Universitätshochhaus, das an ein aufgestelltes Buch erinnert. Und auch der Leninplatz, um dessen Lenin-Denkmal nach der Wende in Berlin so erbittert gestritten wurde, ist ein städtebauliches Kind Henselmanns. Zehn Jahre nach seinem Tod 1995, haben Wiederentdeckung und Würdigung dieses ebenso erfolgreichen wie umstrittenen Architekten und Stadtplaners gerade erst begonnen.

Henselmanns Werk ist auch das Thema im gerade neu erschienenen Buch „Symbolsuche – Die Ost-Berliner Zentrumsplanung“ (Gebr. Mann Verlag, 58 Euro) von Peter Müller. Der Autor diskutiert heute, Donnerstag, den 3. Februar, über die Ost-Berliner Zentrumsplanung mit dem Architekturkritiker Heinrich Wefing. Los geht es um 19.30 Uhr in der Kongresshalle am Alex, der Eintritt ist frei.

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