Berlin : Architekt Foster soll unter Honorarzurückhaltung Baumängel nachbessern

Thomas Loy

Es gilt die goldene Architekten-Regel: Kein Bauwerk ohne Mängel. Beim Reichstag waren es gleich 6000 Beanstandungen, die zu einem intensiven Briefwechsel zwischen dem britischen Star-Architekten Norman Foster und der Bundesbaugesellschaft Berlin (BBB) führten. Die meisten Fehler wurden inzwischen behoben, doch fünf gravierende und 40 kleinere Unzulänglichkeiten stehen noch aus. "Das betrifft die Gestaltung der Räume, Schwingungen der Tribünen im Plenarsaal und Risse an Oberflächen", sagt BBB-Sprecher André Lundt.

Insgesamt drei Millionen Mark der Honorarsumme will die BBB solange zurückhalten, bis Foster die Mängel beseitigt hat. Der Architekt habe die Bauleitung übernommen und sei deshalb für die Abwicklung verantwortlich, meint Lundt. Die Gesamtsumme der Schäden und fehlerhaften Bauausführungen beziffert Lundt auf bis zu vier Millionen Mark. Weitere zwei Millionen Mark seien zudem vertragsgemäß als Sicherheit einbehalten, bis alle Phasen des Projekts abgeschlossen seien. "Wir haben uns hyperkorrekt verhalten", sagte Lundt. "Wir sind gehalten, die Steuergelder so gut es geht, zu verwalten." Foster erhält insgesamt gut 40 Millionen Mark für seine Leistungen bei dem 600 Millionen Mark teuren Umbau des Reichstages.

Foster sieht sich jedoch zu Unrecht beschuldigt und bat den Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD), der auch Mitglied im Aufsichtsrat der Bundesbaugesellschaft ist, um eine politische Intervention. Doch Thierse, so verlautete es aus dem hohen Haus, wolle in diese Sache nicht verwickelt werden. "Wir wollen das eher diplomatisch lösen", sagt Lundt, "ein juristischer Streit ist aber nicht ausgeschlossen." Baumängel an Bundesbauten sind keine Seltenheit. Schon in Bonn gab es nach der Fertigstellung des letzten Bundestagsgebäudes erheblichen Nachbesserungsbedarf. In Berlin steht die Nagelprobe für die meisten Bauten noch aus - sie sind bisher einfach nicht fertig geworden.

Die baupolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Franziska Eichstädt-Bohlig meint, beim Umbau des Reichstages sei bisher alles korrekt und ohne Zeitverzögerung verlaufen. Deshalb sollte man die Sache nicht zu hoch hängen. Das findet auch Cornelius Hertling, Chef der Berliner Architektenkammer. Er hat für Kollegen Norman Foster durchaus Verständnis. "Wegen des hohen Termindrucks und des Preiskampfes unter den Baufirmen ist das Bauen wirklich schwierig geworden." Die Bundesbaugesellschaft sollte Foster das ausstehende Honorar zahlen und nach den wahren Schuldigen fahnden. Sollten dem Architekten selbst Fehler unterlaufen sein, würde seine Haftpflichtversicherung dafür aufkommen.

Helmut John, Sprecher der Oberfinanzdirektion, kann nicht ganz verhehlen, dass der Streit klammheimliche Freude in ihm auslöst. "Es zeigt sich, dass private Bauleitungen eben nicht alles besser können als die öffentlichen Bauverwaltungen." Beim Umbau des ehemaligen Treuhand-Gebäudes an der Wilhelmstraße habe das Bundesbauamt die Bauleitung inzwischen wieder selbst übernommen. "Es laufen diverse Prozesse gegen die Baufirmen." Einige davon seien einfach überfordert gewesen. Auch beim Ausbau des Bendler-Blocks für das Verteidigungsministerium seien unkontrolliert Aufträge an Subunternehmen ergangen, die zwar billig, aber völlig inkompetent waren.

Auch bei einem anderen Bundesbau, der "Schlange", auf dem Moabiter Werder werden nun Nachbesserungen fällig. Die Panoramafenster auf der Südseite treiben bei Sonneneinstrahlung den Mietern den Schweiß ins Hemd, weshalb der Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Michael Glos, seine gerade erst bezogene Wohnung sogar schon wieder gekündigt hat. Die Bauherrin Deutschbau will jetzt einen elektronisch bedienbaren Sonnenschutz nachrüsten, was für die 510 Wohnungen mehr als eine Million Mark kosten wird, sagt Matthias Stock von der Deutschbau. Dem Architekten wird man diese Nachrüstung wohl nicht in Rechnung stellen können.

Heute will die Baukommission des Bundestages mit einem Vertreter des Architektenbüros Foster einige von Bundestagsabgordneten beanstandete Mängel besichtigen. Auf wenig Gegenliebe stießen etwa die bunten Holzvertäfelungen in Sitzungszimmern, die angeblich zu Augenflimmern führen, offene Telefonsäulen in den Hallen und fehlende Sitzgelegenheiten in der Lobby.

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