Berlin : Architektonisches Saufgelage und spektakuläre Mittelmäßigkeit

Christian van Lessen

Mit der Architektur in der Berliner Mitte seit der Maueröffnung geht der New Yorker Architekturkritiker Martin Filler hart ins Gericht. Unter dem Titel "Berlin: die verpasste Chance" schreibt er in der jüngsten Ausgabe des renommierten Literaturmagazins New York Review of Books von "furchtbaren Fehlern", die in den vergangenen zehn Jahren unter zu großer Eile gemacht worden seien. Besonders kritisch setzt sich Filler mit den Bauten am Potsdamer Platz und mit der Neuen Gemäldegalerie auf dem Kulturforum auseinander. Dem Museumsbau bescheinigt er "spektakuläre Mittelmäßigkeit". Der Autor zeigt sich überwiegend enttäuscht von dem, was am Potsdamer Platz entstanden ist. Das, was weltberühmte Architekten hier geleistet hätten, läge ausnahmslos unter ihren Möglichkeiten. Man habe Investoren gegenüber Konzessionen gemacht - beispielsweise bei der untypischen Höhenentwicklung -, was ein großer Fehler gewesen sei. Vom dunkel gemauerten Hochhaus-Büroturm fühlt sich der Kritiker an gothisch-inspirierten norddeutschen Expressionismus der zwanziger Jahre erinnert. Das Sony-Center beispielsweise passe als "glitzerndes, verglastes Shopping-Center" eher nach Los Angeles oder Las Vegas. Statt die Straßen zu beleben, wirkten einige Gebäude am Potsdamer Platz mit Atrien und mehrstöckigen Shopping-Malls in sich gekehrt und antistädtisch wie ein beliebiger amerikanischer Straßenrand. Die Neue Gemäldegalerie auf dem Kulturforum hat es Filler auch nicht angetan. Er kritisiert unter anderem eine grelle Belichtung und schlecht proportionierte Räume.

Nur zwei wichtige Gebäude der letzten zehn Jahre könnten außergewöhnliches architektonisches Interesse beanspruchen; beide seien relativ klein und von Amerikanern entworfen. Der Kritiker nennt das von Frank Gehry entworfene Gebäude der DG-Bank am Pariser Platz. Trotz strenger Restriktionen der Stadt sei eine organische Architekturform entstanden. Gelobt wird auch das Jüdische Museum von Daniel Libeskind.

Der Reichstagsumbau habe Rücksicht auf das vorhandene Gebäude genommen, herausgekommen seien aber teure Technologie und kühle bürokratische Effizenz, eine vermeintliche Karikatur der deutschen Natur. Aber die größte Touristenattraktion Berlins biete mit ihrer Kuppel eine schöne Aussicht, von außen sei der Blick leider oft weniger schön, wenn die Touristen in endloser Reihe die Rampe entlang stampften wie Arbeiter in einer Fabrik des 19. Jahrhunderts.

Das Bundeskanzleramt habe nicht zu Unrecht von den Berlinern den Spitznamen "Kohlosseum" erhalten. Eine der lächerlichsten Ideen sei es gewesen, auf freistehende Säulen Bäume zu stellen.

Kommerziellen Interessen preisgegeben, sei der Wiederaufbau von Berlin zu einem Fiasko von immensen Proportionen geworden, schreibt Filler, der in seinem Artikel auf mehrere Architekturbücher über Berlin, unter anderen von den Architekten Josef Paul Kleihues und Norman Foster sowie dem Tagesspiegel-Redakteur Bernhard Schulz, hinweist. Andere große Weltstädte hätten ein langsames und beständiges Wachstum benötigt; Berlin aber, das lange unter Krieg, Unterdrückung und Ruinen gelitten habe, seien kaum mehr als zwei Jahrhunderte Zeit geblieben, um sich selbst zu definieren.

Die Stadt brauche jetzt eine Ruhepause, um sich - wie es heißt - von dem zehnjährigen "architektonischen Saufgelage" zu erholen. Man habe zu schnell zu viel gewollt. Von der grotesken spekulativen Aufregung dieser Zeit seien alle anderen Impulse erdrückt worden.

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