Architektur : Betonklötze für die historische Mitte

Um die Pläne für die Berliner Altstadt gibt es Streit. Sie zerstören den ursprünglichen Grundriss, schimpfen Kritiker.

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Die Kronprinzengärten stehen zum Greifen nah an der Friedrichswerderschen Kirche.Alle Bilder anzeigen
Grafik: promo
04.07.2011 08:24Die Kronprinzengärten stehen zum Greifen nah an der Friedrichswerderschen Kirche.

Kurz vor Ende der Legislaturperiode schafft der Senat im historischen Zentrum Berlins Fakten und nimmt dabei Experten zufolge irreparable Schäden am Stadtgrundriss in Kauf. Zwei von drei umstrittenen Bebauungsplänen wurden bereits mit der rot-roten Mehrheit im Abgeordnetenhaus durchgewinkt. Die Grünen-Fraktion fühlt sich überrumpelt und kritisiert, dass viel zu hohe und zu dicht gepackte Baukörper genehmigt wurden, ohne ausreichende öffentliche Anhörung von Experten.

Im Zentrum der Auseinandersetzung stehen drei Grundstücke. Zwei liegen nördlich des Petriplatzes: im mittelalterlichen Stadtteil Alt-Cölln und auf dem Friedrichswerder. Ebenfalls betroffen ist ein weiter östlich gelegenes Gebiet an der Rathausstraße, nicht weit von dem Ort, wo Archäologen zurzeit die Grundmauern des mittelalterlichen Rathauses ausgraben. Der Neubau, der dort nach Plänen von Sauerbruch Hutton im Auftrag des Konzerns Redevco entsteht, ähnelt in seiner Dimension dem nahe gelegenen Kino-Koloss „Cubix“. Auch für den Werderschen Markt gibt es schon Pläne: Die „Kronprinzengärten“ sollen ganz dicht an Schinkels Friedrichswerdersche Kirche herangebaut werden. Der dritte Planungsbereich liegt nördlich der Petrikirche, an der Breiten Straße, mitten in Alt-Cölln. Altstadttypisches wird aber auch hier nicht entstehen, sondern dicht bebaute lukrative Investorenblöcke.

„Das sind die wichtigsten Projekte der Stadt. Der Senat hat die Verfahren im Planwerk Innenstadt deshalb den Bezirken entzogen. Und nun werden sie ohne ernst zu nehmende städtebauliche Debatte im Parlament verabschiedet“, sagt Astrid Schneider. Die Architektin sitzt für die Grünen im Abgeordnetenhaus und nennt das Vorgehen von Rot-Rot „unverschämt und unverständlich“. Gleich sieben, zum Teil umstrittene Bebauungspläne seien dem Bauausschuss einen Tag vor Himmelfahrt vorgelegt worden und zwar so kurzfristig, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung kaum noch möglich gewesen sei. „Wir sollten nur noch abnicken wie Stimmvieh“, sagt Schneider.

Manfred Kühne, Leiter der Abteilung Städtebau und Projekte in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, widerspricht: Nur die Pläne für die Breite Straße nördlich des Petriplatzes seien im Bauausschuss sofort verabschiedet worden. Der geplante Neubau von Redevco an der Rathausstraße sei dagegen zwei Mal im Bauausschuss diskutiert worden. Und die Entwürfe für die Kronprinzengärten würden überarbeitet und erst im August erneut im Bauausschuss diskutiert, bevor sie im September im Abgeordnetenhaus genehmigt würden.

Einem Protokoll der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist allerdings zu entnehmen, dass der Einfluss des Senats im Fall der Kronprinzengärten begrenzt ist: Bei der Auswahl der Architekten, die um Entwürfe für den künftigen Nachbarbau von Schinkels Friedrichswerderscher Kirche gebeten wurden, durften weder die Experten des „Baukollegiums“ von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher noch die Stadtentwicklungsverwaltung mitreden. „Das Baukollegium bedauert das außerordentlich“, heißt es im Protokoll.

Nun soll der Block mit knapp 10 000 Quadratmetern bis auf fünf Meter westlich an die Friedrichswerdersche Kirche herangebaut werden. Der Senat überschreite dort „die zulässige Baumasse um das Vierfache“, sagt die Grünen-Abgeordnete Schneider.

Damit der Blick nicht ganz verstellt wird, sollen zumindest zwei Teile des Neubaus ein bis zwei statt sechs Obergeschosse bekommen, allerdings auch nur an der engen Falkoniergasse, die den Block von Norden nach Süden durchzieht. Weil der Bauherr höher hinaus will als die in Berlin übliche Traufhöhe, droht die Friedrichwerdersche Kirche verstellt zu werden. Das alarmierte immerhin die Links-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Deshalb soll die Höhe des Neubaus reduziert werden. Fakten wurden dagegen bereits bei zwei anderen Grundstücken im historischen Zentrum geschaffen. Und der Neubau der Firma Redevco wird den Blick vom Alexanderplatz auf das Rote Rathaus verstellen. Der Block orientiert sich in Höhe und Gestalt am Kino-Koloss „Cubix“. Der Redevco-Bau wird zum Teil auf der hier einst verlaufenden Neuen Friedrichstraße errichtet und das Marienviertel von den Rändern aus zerstören, sagen Stadthistoriker. Der Senat sieht das anders: „Das Gebiet liegt nicht im mittelalterlichen Stadtgrundriss“, entgegnet Kühne. Die Menschen nähmen es als Teil des Alexanderplatzes wahr, so wie den Vorplatz des Fernsehturms. Das Bauvolumen sei durch den städtebaulichen Wettbewerb für den Alexanderplatz festgelegt worden, und die Architekten seien im Rahmen eines Wettbewerbs ausgewählt worden.

Wenig Rücksicht auf den historischen Stadtgrundriss nahmen die Planer auch in der Breiten Straße. Nördlich des Petriplatzes, mitten in Alt-Cölln, wurde die Voraussetzung geschaffen für den Bau massiver Blöcke auf Grundstücksflächen von bis zu 5000 Quadratmetern. Charmante, kleinere Parzellen, die eine größere gestalterische Vielfalt ermöglicht hätten, indem sie sich an der historischen Stadt orientieren, hatten keine Chance.

„Der Senat ist nicht bereit, den Stadtkern als einheitlichen Planungsraum anzuerkennen, sagt Willo Göpel vom Expertennetzwerk für den Berliner Stadtkern „Nucleus“. Es werde geplant, als ob der Petriplatz nichts mit dem Schlossplatz zu tun habe und dieser wiederum nichts mit dem östlich gelegenen Friedrichswerder und mit dem Marienviertel im Westen. Mit einer „erschreckenden Ideen- und Anspruchslosigkeit gehe man stattdessen daran, Shopping-Center und monströse Investorenarchitektur auf das historische Berlin abzuwerfen.

Kühne sieht auch das anders: Der Bereich der Berliner und Cöllner Altstadt sei zu komplex, um ihn mit einer einzigen Strategie zu entwickeln. Von Fassadenrekonstruktionen wie beim Humboldtforum bis zur völligen Neugestaltung wie in der Breiten Straße werde man den jeweiligen Orten angepasste „angemessene Strategien“ suchen.

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