Architektur : Kleiderordnung für Fassaden in historischer Mitte

Strenge Vorgaben für Neubauten in Berlins historischer Mitte: Schrille Farben oder blinkende Leuchtreklame sollen künftig nicht mehr geduldet werden.

Christian van Lessen

Das künftige Humboldt-Forum mit seiner wiederhergestellten Schlossfassade wird – so unsicher vieles bei der Planung ist – zumindest eines nicht haben: Eine blinkende Leuchtreklame auf dem Dach oder an der Fassade. Grelle Werbung gehört mit zum Schlimmsten, was nach Ansicht der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung der historischen Mitte rund um den Schlossplatz passieren kann. Dass die künftige Schlossfassade mehr aus Stein als aus Glas bestehen soll, kommt dem geplanten Neubau dagegen zugute. Sonst würde er vermutlich nicht genehmigt werden.

Gegenwärtig bereitet die Stadtentwicklungsverwaltung eine Gestaltungssatzung vor, die – wie am Pariser Platz und Unter den Linden – strenge Vorgaben für die Häuser der Gegend macht. Dem Entwurf zufolge sollen Gebäudefassaden mehr Stein als Glas zeigen – wobei der Entscheidungsprozess innerhalb der Senatsverwaltung und die Abstimmung mit dem Bezirksamt Mitte noch nicht abgeschlossen ist. Außerdem muss das Abgeordnetenhaus einer Satzung mit so weiten Auswirkungen noch zustimmen. Ob noch in diesem Jahr - das ist ungewiss.

Sicher aber ist schon jetzt, dass so schrille Farben wie beim Einkaufszentrum Alexa am Alexanderplatz in der Nähe des Schlossplatzes künftig amtlich nicht mehr geduldet werden. Vorherrschen sollen gedeckte Farbtöne. Das Gebiet, um das es bei der neuen Gestaltungssatzung mit ihren strengen Regeln geht, umfasst die Museumsinsel, auch einen kleinen Teil der Straße Unter den Linden, führt bis an den Gendarmenmarkt und den Hausvogteiplatz. Friedrichstraße und der Alexanderplatz sind von der Satzung nicht berührt.

Auch Werbeanlagen sollten in der historischen Mitte der Bedeutung des Ortes gerecht werden, heißt es in der Verwaltung. Sie will deshalb großflächige Reklame untersagen. Werbung an Häusern solle nicht höher als 50 Zentimeter sein und möglichst nur in den Erdgeschosszonen untergebracht werden. Auf Fenstern und Schaufensterscheiben sind Plakate und Schriftwerbung unerwünscht. Aber auch hier sind nach Auskunft der Behörde noch andere Lösungen denkbar.

Geplante Neubauten dürfen dem Satzungsentwurf zufolge nicht höher als 30 Meter sein, die Fassaden müssen steinern und doch vielfältig und plastisch sein, möglichst mit stumpfer Oberfläche. Verspiegelte Fenster, wie am einstigen Palast der Republik, soll es in der historischen Mitte nicht mehr geben. Die Gestaltungssatzung soll auch den Neigungswinkel der Dachgeschosse – zwischen 30 und 60 Grad – vorschreiben. Auch die Zahl der Dachgauben wird in dem Entwurf beschränkt: Sie dürfen nicht mehr als die Hälfte des jeweiligen Daches einnehmen. Über das Dachmaterial – ob letztlich nur noch Schiefer, Zink und Kupferblech in Frage kommen – ist in der Verwaltung noch kein Entschluss gefasst worden.

An den Plänen für eine Gestaltungssatzung für das Gebiet um den Schlossplatz werde schon seit Monaten gearbeitet, sagte Manuela Damianakis, die Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Die Pläne hätten mit der jüngsten Stadtbildschelte des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) nichts zu tun. Wowereit hatte in der letzten Woche, wie berichtet, die Farbe des Einkaufszentrums Alexa am Alexanderplatz und die fast fensterlose Rückfront eines gegenüberliegenden Rohbaus kritisiert. Die Stadt müsse mehr Einfluss auf Neubauten an herausragender Stelle nehmen, forderte Wowereit. Der Entwurf für die geplante Gestaltungssatzung sei „nicht in Stein gemeißelt“, sagte Manuela Damianakis. Sie könne sich etwa vorstellen, dass in puncto Glasfassaden nicht das letzte Wort gesprochen ist. Auch müsse noch mit Investoren über die Vorschriften des Senats geredet werden.

Sicher dürfte aber nach der neuen Satzung am künftigen Humboldt-Forum mit seiner wiederaufgebauten Schlossfassade neben blinkender Leuchtreklame eines auf jeden Fall verboten sein: eine sichtbare Antenne – oder gar Satellitenschüsseln.Christian van Lessen

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