Architektur-Projekt : Wenn das Walter Ulbricht wüsste

Erst Kaufhaus, dann SED-Zentrale und bald ein Club: Das Haus in der Torstraße 1 im Berliner Bezirk Mitte wird umgebaut.

Lothar Heinke
Torstraße
In der Torstraße 1 soll wieder leben einkehren. -Foto: JKS

Das markante Eckhaus am Anfang der Torstraße und am Ende der Prenzlauer Allee verwandelt sich – endlich! Nach 13 Jahren Stillstand kommt Leben in den kompakten Stahlskelettbau, der wie viele Gebäude in der City-Mitte voller Geschichten steckt. Nach 18 Monaten wird das Grau der Fassade vergessen sein. In hellem Beige präsentiert sich im Herbst 2009 das „Soho House Berlin“, ein Club, in dem sich Künstler, Filmemacher, Fernseh- und Zeitungsleute treffen sollen. Die Idee für ein solches Zentrum der Medien-Branche mit allen Annehmlichkeiten vom Restaurant über die Apartments eines Boarding-House bis zur Sauna und zum Schwimmbad kommt aus London, „hier wird nicht mit goldenen Löffeln gegessen, es geht ganz entspannt und leger zu“, sagen Soho-Leute und verweisen auf ähnliche Clubs unter ihrer Flagge in England, New York, Los Angeles, Florida, Chicago und Hongkong.

„So ein Haus ist neu in Deutschland, es hebt Berlin als Medienstandort hervor und soll über die Stadt hinauswirken als schöpferischer Ort für Arbeit, Gedankenaustausch, aber auch für Entspannung und Geselligkeit“, sagt Gunter P. J. Bürk, Chef-Architekt des international tätigen Architekturbüros J.S.K. Das baut gerade am neuen Flughafen Schönefeld, an der O2-Arena, im Medienzentrum Adlershof, in Dubai und Katar, in Russland und Polen. Nun investieren zwei britische Firmen und ein deutsches Unternehmen etwa 40 Millionen Euro in das Projekt Torstraße 1.

Es ist für die Architekten eine besondere Herausforderung, weil das Haus unter Denkmalschutz steht. Äußerlich wird die auch heute noch moderne Architekturgestalt im Stil der Neuen Sachlichkeit am Einfallstor zum Alexanderplatz erhalten, innen möchte man die zahlreichen Räume künftigen Wünschen anpassen: Im Keller wird es Sauna, Spa und Fitness geben, dazu einen Filmvorführraum mit Bar. Im Erdgeschoss sind Geschäfte und Restaurants geplant, darüber Büros, in den oberen Geschossen Apartments, Hotelzimmer, schließlich Clubräume, Restaurant, Bar, Bibliothek, Spielraum, und ganz oben, auf dem Dach, Bistro, Terrasse und Schwimmbad. Willkommen im Club sind alle Medienmenschen, auch ganze Firmen aus der Branche, sämtliche Räumlichkeiten sind auch für Nicht-Clubmitglieder buchbar, das Restaurant im Erdgeschoss ist öffentlich zugänglich.

Die wechselvolle Geschichte beginnt 1928: „Auf dem Gelände eines Exerzier- und Reithauses baut der jüdische Kaufmann Hermann Gollhuber das Kredit-Warenhaus Jonass“, sagt Gunter Bürk, „vor allem die Leute aus dem nahe gelegenen Scheunenviertel nutzten die Möglichkeit, hier per Ratenzahlung einzukaufen.“ 1934 zieht das Kaufhaus von der damaligen Lothringer Straße 1 zum Alexanderplatz. Das Haus wird 1942 Eigentum der NSDAP, die ihre „Reichsjugendführung“ unterbringt. Unmittelbar nach Kriegsende wird das Gebäude verstaatlicht, ab 1946 zum Sitz des Parteivorstandes der SED im „Haus der Einheit“. Zwei Gedenkreliefs am Eingang erinnern daran, dass Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl hier gearbeitet haben – in diesem Haus wurden also auch jene rücksichtslosen Beschlüsse gefasst, die schließlich zum Aufstand am 17. Juni 1953 führten: Kollektivierung der Landwirtschaft, Schauprozesse gegen „Volksverräter“, Abweichler, Saboteure und Intellektuelle, die nicht auf Parteilinie waren. Während der Unruhen wird die Umgebung des Hauses zum Schauplatz wütender Proteste erboster Arbeiter der DDR.

Sie fordern freie Wahlen und den Rücktritt der Regierung, deren prominenteste Mitglieder nach Karlshorst in die Obhut ihrer sowjetischen Freunde geflohen sind. Noch zu seinen Lebzeiten erhält die Straße, an der das Parteihaus steht, den Namen Wilhelm Piecks. Ende der fünfziger Jahre zieht die SED-Führung in das große Gebäude der früheren Reichsbank am Werderschen Markt (dem heutigen Außenministerium), das wird zum „Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut“, dann „Institut für Marxismus-Leninismus“ und schließlich „Institut für die Geschichte der Arbeiterbewegung“.

Nach der Wende kommt ganz neues Leben ins Haus mit der neuen Adresse Torstraße 1. Alte und junge Leute gehen über die breiten Treppen und Flure in einstige Seminarräume und Sitzungssäle oder ins Arbeitszimmer Wilhelm Piecks und studieren die hier eingelagerten Akten aus den Archiven der Parteien und Massenorganisationen der gerade verschwundenen DDR. Ein Staat gibt seine streng vertraulichen Geheimnisse preis – jetzt, da er kein Staat mehr ist, dürfen alle alles wissen.

Ende 1995 geht die Sammlung ins Bundesarchiv über und wird nach Lichterfelde gebracht. Dann steht das Haus leer, die Verhandlungen mit einer Erbengemeinschaft ziehen sich hin – bis die Manager vom Soho-House Gefallen an dem Verfall in bester Lage finden. Und nun etwas daraus machen wollen, „etwas ganz Besonderes für Berlin“, sagt der Architekt.

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