Architekturdebatte (1) : Braucht Berlin eine Internationale Bauaustellung?

Ein Plädoyer für eine planerische Kraftanstrengung. Was aber soll das Ziel einer dritten IBA sein? Zum Start der neuen Tagesspiegel-Serie gibt Werner Durth einen Rück- und einen Ausblick. Diskutieren Sie mit, liebe Leserin, lieber Leser!

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Jede internationale Bauausstellung setzte Zeichen. Die Interbau 1957 in Berlin präsentierte "die Stadt von morgen", wie hier im Hansaviertel... Foto:
Jede internationale Bauausstellung setzte Zeichen. Die Interbau 1957 in Berlin präsentierte "die Stadt von morgen", wie hier im...

Seit mehr als einem Jahrhundert haben Bauausstellungen in Deutschland der Planungskultur nachhaltig Impulse gegeben und Maßstäbe gesetzt. Ein Rückblick zeigt, welchem Erbe die aktuellen Projekte einer IBA verpflichtet sind.

In der Weltausstellung Paris 1900 hatte Deutschland einen großen Auftritt am Ufer der Seine. Dort erhob sich zwischen den Repräsentationsbauten anderer Nationen das Deutsche Haus, das stilistisch Spätgotik mit Renaissance verband und sich im Skulpturenprogramm auf das Nibelungenlied bezog. In der Deutschen Bauzeitung als „Pschorrbräuarchitektur“ bezeichnet, überraschte das Gebäude im Inneren mit Rokoko und Jugendstil. Breite Aufmerksamkeit fanden indes die Reformmöbel im „Darmstädter Zimmer“, entworfen von dem Wiener Architekt Joseph Maria Olbrich im Auftrag des Großherzogs von Hessen. Während das Deutsche Haus mit allen Einrichtungen nur für die Zeit der Weltausstellung errichtet war und danach wieder verschwand, plante der junge Großherzog Ernst Ludwig in seiner Residenzstadt eine erste Bauausstellung auf Dauer, die neueste Tendenzen europäischer Baukultur aufnehmen und im Mai 1901 als „Dokument deutscher Kunst“ einem internationalen Publikum präsentiert werden sollte.

IBA 2020 - Neue Bauten braucht Berlin
Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas Sieverts. Und sie sollte Bedeutung auch für andere Metropolen haben. Ein Beispiel heißt: Verkehr. Ausfallstraßen, die immer mehr Stadtraumqualität zerstören, nennt er ein „weltweites Problem“. Hier, und möglichst an den Stadträndern und nicht im Zentrum, könnte eine IBA Lösungen finden und sogar ein länderübergreifendes Projekt Berlin-Brandenburg werden. Foto: dapdWeitere Bilder anzeigen
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06.07.2011 14:12Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas...

Wie Wilhelm II. ein Enkel der Queen Victoria, hatte Ernst Ludwig nach prägenden Jahren seiner Kindheit und Jugend in England 1899 eine Künstlerkolonie gegründet, deren Bauten auf einem Hügel am Rand der Stadt jener Olbrich entwarf, der zuvor in Wien durch den sensationellen Ausstellungsbau der Sezession ein viel beachtetes Zeichen für die Abkehr vom Historismus gesetzt hatte. Mit seinen Atelier- und Ausstellungsbauten, Künstlerhäusern und Pavillons schuf Olbrich in Darmstadt bis in die Details der Inneneinrichtung ein bald weltweit bekanntes Gesamtkunstwerk, das er 1908 mit dem Hochzeitsturm krönte – bis heute die werbewirksame Stadtkrone im „Zentrum des Jugendstils“.

Eine Bauausstellung ist ein Ausnahmezustand auf Zeit

Neben Olbrich baute 1901 der Maler Peter Behrens als Autodidakt sein erstes Haus. Später künstlerischer Berater und Architekt der AEG, gründete Behrens mit Olbrich und Kollegen wie Hermann Muthesius aus Berlin 1907 den Deutschen Werkbund, ein Bündnis von Architekten und Künstlern, Politikern und Unternehmern, mit dem Ziel einer durchgreifenden Reform der Umweltgestaltung – vom Besteck und Geschirr übers Mobiliar bis hin zum Städtebau. Erfolgreich warb der Bund für seine Ideen durch Ausstellungen, Vorträge und reich illustrierte Jahrbücher, doch unterbrach der Erste Weltkrieg diesen Aufschwung.

Zwei Jahrzehnte nach der Gründung war es 1927 die Werkbund-Ausstellung „Die Wohnung“ in Stuttgart, die neben sachlich gestalteten Produkten des alltäglichen Bedarfs mit der Weißenhofsiedlung als sozialpolitische Offensive der Kommune eine neue Bauausstellung auf Dauer präsentierte, um für neueste Bautechnologie und wirtschaftlichen Wohnungsbau zu werben. Unter der Leitung Ludwig Mies van der Rohes, der einen mehrgeschossigen Mietwohnungsbau in Stahlkonstruktion errichtete, verwirklichten Architekten aus vielen Ländern Europas ihre Ideen. Die Stuttgarter Siedlung machte international Furore und zog ähnliche Projekte in anderen Städten Europas nach sich, doch blockierte ab 1933 die Herrschaft Hitlers den fruchtbaren Austausch der Ideen und Konzepte.

Lesen Sie auf Seite zwei, wie die IBA 1957 die Folge fortsetzt.

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