Architekturdebatte (6) : Große Stadt – kleines Denken

Die Stadtentwicklung beschäftigt die Politik angeblich mehr als jedes andere Zukunftsprojekt. Tatsächlich herrscht aber seit Jahrzehnten ein Tunnelblick. Stadtplaner Harald Bodenschatz hat aufgeschrieben, woran es hapert und was geschehen muss.

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Abgeschnitten. Der Hauptbahnhof liegt inmitten Berlins, aber von den angrenzenden Stadtteilen ist er städtebaulich isoliert.
Abgeschnitten. Der Hauptbahnhof liegt inmitten Berlins, aber von den angrenzenden Stadtteilen ist er städtebaulich isoliert.Foto: Mike Wolff

Nach dem Ende eines wenig inspirierenden Wahlkampfes kam endlich die frohe Botschaft: Stadtentwicklung ist den Politikern doch nicht egal! Ganz im Gegenteil: Wir – erst Rot-Grün, dann nun eher Rot-Schwarz – haben jetzt das zentrale Thema für Berlin gefunden: die A 100. Wir wissen zwar nicht genau, was wir aus diesem Thema machen sollen, aber gerade das ist unsere Vision: Wir lassen das viele Fördergeld doch nicht verrotten!

Zunächst versuchen wir mal ganz ernsthaft, es woanders zu investieren. Das wäre uns die liebste Option! Wie lang wir das versuchen, darüber sind wir uns nicht einig, aber so ist die Politik. Wenn das dann doch nicht gehen sollte, weil die böse Bundesregierung nicht mitspielt, dann bauen wir halt – halb begeistert, halb verbittert – die Straße. Keiner soll aber sagen, wir denken nicht über Legislaturgrenzen hinaus und kochen nur unser eigenes Parteisüppchen. Nein, dann bauen wir die Autobahn, die in den 1990er Jahren vorgedacht und von Schwarz-Rot auf den Weg gebracht worden war.

Diese Botschaft ist mehrfach interessant: als Beweis für die unglaublichen Pirouetten der Parteipolitik und für die Abhängigkeit dieser Stadt vom Tropf, sicher auch als Zeichen der väterlichen Strenge des Bundes gegenüber der zickigen Hauptstadt. Aber ebenfalls Ausdruck der unerbittlichen Gleichgültigkeit des Senats gegenüber den Bezirken – erinnert sei nur an die Klage des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, eines grünen Kernlandes, gegen den Autobahnbau.

IBA 2020 - Neue Bauten braucht Berlin
Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas Sieverts. Und sie sollte Bedeutung auch für andere Metropolen haben. Ein Beispiel heißt: Verkehr. Ausfallstraßen, die immer mehr Stadtraumqualität zerstören, nennt er ein „weltweites Problem“. Hier, und möglichst an den Stadträndern und nicht im Zentrum, könnte eine IBA Lösungen finden und sogar ein länderübergreifendes Projekt Berlin-Brandenburg werden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: dapd
06.07.2011 14:12Eine IBA für Berlin sollte sich thematisch keinesfalls verzetteln, argumentiert der Münchener Architekt und Stadtplaner Thomas...

Vor allem aber ist die Botschaft ein Beweis dafür, wie Berlin wieder einmal im Vergleich der Metropolen seine Nase vorne hat. Während etwa Paris darüber nachdenkt, wie denn der Boulevard Périphérique, die Stadtautobahn, welche die Innenstadt umkreist und vom Umland hart trennt, ein wenig urbanisiert werden kann, während dort der öffentliche Nahverkehr nicht nur in der Innenstadt zügig ausgebaut wird, sind wir hier mächtig stolz darauf, ein Stück Stadtautobahn weiterbauen zu dürfen – zur Rettung des Verkehrs und zur Rettung der Wirtschaft. Dafür lassen wir die S-Bahn ein wenig verrotten – man kann ja nicht alles haben wollen.

Egal, wie man zur A 100 steht – eines ist klar: Das ist nicht das Schlüsselprojekt, das Berlin in die Zukunft führt, es ist ein Projekt von gestern, für manche von vorgestern – was ja keineswegs in jedem Falle schlecht ist. Weit wichtiger aber ist ein anderer Aspekt dieser Botschaft: Das Thema Stadtentwicklung ist zwar in aller Munde, aber es ist unsäglich versimpelt, ja geradezu verbrannt. Es rückt mögliche programmatische Überlegungen für Berlin in den Schatten, ebenso die strategischen Projekte, die zur Umsetzung eines Stadtentwicklungsprogramms nötig wären.

Die Botschaft, das ist ein positiver Aspekt, wirft allerdings die entscheidende Frage auf: Was ist denn überhaupt die Aufgabe der öffentlichen Hand im Feld der Stadtentwicklung? Gelder von auswärts abgreifen? Das war bestes West-Berliner Talent, das auch heute noch gefragt ist. Aber wir benötigen darüber hinaus unbedingt pragmatische Visionen einer besseren Stadt, ein Stadtentwicklungsprogramm, um nicht im richtungslosen Herumstochern zu enden.

Ein Stadtentwicklungsprogramm muss die großen Aufgaben der nächsten Jahre benennen, also Prioritäten setzen. Es muss deutlich machen, was der öffentlichen Hand wichtig ist. Ein solches Programm kann und darf aber nicht am Schreibtisch entstehen, sondern muss die zivilgesellschaftlichen Akteure schon bei der Formulierung einbinden, nicht nur informieren. Das ist vielleicht die stärkste Lehre, die wir aus dem Wahlergebnis ziehen können. Der Erfolg der Piraten ist ja kein Erfolg ihres Programms, sondern Ausdruck eines wachsenden Misstrauens gegenüber der überkommenen Parteipolitik, auch der Grünen.

Brachgefallene Gebiete, Eröffnung des Flughafens Schönefeld und benachteiligte Quartiere: Berlin steht vor zahlreichen Herausforderungen.

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