Architekturpreis Berlin 2013 : Schöner lernen an der Havelland-Grundschule

Sieht ja aus wie ein Penthouse: Der Anbau der Havelland-Grundschule in Schöneberg ist schick und auch praktisch.

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Futuristisch. Der neue Anbau der Havelland-Grundschule.
Futuristisch. Der neue Anbau der Havelland-Grundschule.Foto: Vincent Schlenner

Die Naturwissenschaften nehmen an der Havelland-Grundschule in Schöneberg eine ganz besondere Position ein, im wahrsten Wortsinn. Der Nawi-Raum, wie er nur kurz genannt wird, thront erhaben über dem Gebäudeeingang, er ragt aus dem kastenförmigen Neubau heraus in die Baumwipfel hinein und überdacht ein Stück Schulhof. Auch von innen ist das kein ganz normaler Schulraum, das sieht man sofort: Links und rechts hat er Glasfronten statt Wände, der Boden ist schwarzgrau meliert und die Wand hinter dem White Board ist aus unverputztem Beton. Wären da nicht das von der Decke baumelnde Sonnensystem, die mit „Ü-Eiern“, „Filmdosen“, „Watte“ und „Korken“ beschrifteten, sich in der Ecke stapelnden Ikea-Kisten, in denen sich Material für Experimente befindet, oder die zu Sechserkonstellationen zusammengeschobenen Gruppentische, man könnte glatt denken, man befinde sich in einem Penthouse. Da, wo die Äste sachte an die Glaswand klopfen, wäre doch ein guter Platz für ein Bett…?

Für solcherlei Gedanken ist Schulleiterin Beate Schwanke viel zu bodenständig. Sie sieht das eher von der praktischen Seite. „Mir gefällt besonders gut, dass hier gleich von zwei Seiten Licht reinkommt.“ Und außerdem sei hier, wie überhaupt im ganzen Neubau, die Akustik super. Sie zeigt an die Decke, wo hunderte kleiner grauer Pyramiden kleben, die man sonst eher in einem Tonstudio erwartet – Schalldämmung. Ist praktisch und sieht schick aus.

Genau das war die Herausforderung bei dem zweistöckigen Neubau, der die Havelland-Grundschule in der Kolonnenstraße, bestehend aus zwei Backsteinbauten, ergänzen sollte, um sie für den Ganztagsbetrieb zu rüsten. „Klar, Schulen müssen hell sein, die Akustik muss stimmen. Und es gibt immer besondere Auflagen, etwa wo die Fluchtwege sein müssen", sagt Architekt Georg Augustin. Der schwarz gekleidete Hüne ist der eine Teil von Augustin-und-Frank-Architekten, dem für den Umbau verantwortlichen Büro. Diesen Erfordernissen gerecht zu werden und dabei eine ansprechende Ästhetik zu schaffen, das ist den Architekten gelungen. „Sie sind sogar im Zeitplan geblieben!“, lobt Schulleiterin Schwanke. Und das, obwohl während der Vorplanung ein ganz neuer Faktor auftauchte: Autolärm von der Wilhelm-Kabus-Straße. Die einstige Sackgasse wurde für den Durchfahrtsverkehr geöffnet, die Architekten mussten umdenken. Drinnen und auf dem Schulhof hört man nun nichts, einer Schallschutzwand sei Dank.

Auch eine weitere Auflage haben Georg Augustin und sein Team erfüllt: unter der Kostengrenze von drei Millionen Euro zu bleiben. Dass es ein striktes finanzielles Limit gab, das zu einigen Kompromissen in der Wahl der Materialien führte, sieht man dem Bau nicht an. Die schwarze Fassade wird auf der einen Seite von gezackten Fenstern durchbrochen, durch die man in die Mensa gucken kann. Auf der rechten Seite und im zweiten Stock reichen die Fenster bis zum Boden.

Aufgelockert wird der kastenförmige Bau nicht nur durch das viele Glas und den auskragenden Nawi-Raum, sondern auch durch die Sonnenblenden, die verhindern sollen, das sich die Räume im Sommer zu sehr aufheizen. „Das klappt leider nicht ganz“, beklagt eine Sozialkundelehrerin, die gerade einen Klassenraum abschließt. Gerade in den letzten Wochen sei es manchmal extrem heiß geworden. „Und die großen Fenster kann man nicht kippen, so dass wir über Nacht nicht durchlüften können“, fügt Beate Schwanke hinzu. Trotz einiger kleiner Kritikpunkte ist sie aber sehr zufrieden mit der Erweiterung ihrer Kiezschule um acht Klassenräume, mehrere Mehrzweckräume und der Mensa mit Küche; knapp 900 Quadratmeter mehr Fläche steht den 384 Schülern zwischen 5 und 12 Jahren dadurch zur Verfügung.

Im Inneren dominiert ein Farbspiel aus quietschgrünen Wänden, grauem Beton und hellrosa Holzwolleplatten, die auch dem Lärmschutz dienen. Die Schüler haben sich bei Bildern und Collagen an den Wänden oft an die Farben gehalten, aber auch Kunterbuntes hängt dort. „So werden die Räume erst richtig belebt“, freut sich Architekt Augustin. „Architektur soll ja vor allem Spaß machen.“ Und den haben die Schüler hier ganz offensichtlich: „Die sind sowieso ganz begeistert von dem futuristischen Baustil“, sagt Beate Schwanke. Und das ist schließlich die Hauptsache.

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