Archiv der Jugendkulturen : Spenden und Ehrenamt reichen nicht mehr

Das Archiv der Jugendkulturen sammelt Zeugnisse der Zeitgeschichte. Bisher hat es sich durch Spenden finanziert. Doch die reichen nun nicht mehr aus. Eine Stiftung soll das Archiv retten.

Lissy Kaufmann
Bravos aus den 60ern und andere Jugenddokumente sammelt das Archiv der Jugendkulturen. alle Fotos: Lissy Kaufmann Weitere Bilder anzeigen
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12.08.2010 10:01Bravos aus den 60ern und andere Jugenddokumente sammelt das Archiv der Jugendkulturen.

Wenn der Laden dicht macht, muss Klaus Farin keine Mitarbeiter entlassen, die meisten arbeiten hier ehrenamtlich. Er selbst hätte sogar mehr Geld auf dem Konto und müsste nicht mehr 40 Stunden in der Woche ohne Lohn arbeiten. Dennoch: Wenn das Archiv der Jugendkulturen seine Türen schließen müsste, wäre es für Klaus Farin besonders schlimm.

Der Journalist hat das Archiv 1998 eröffnet. Jugendkulturen waren schon immer sein Thema. Farin wollte, dass Studenten, Lehrer, Jugendarbeiter und andere Interessenten sich über die verschiedenen Jugendgruppen von Punks bis Raver informieren können. "Es gibt sonst keinen anderen Ort, an dem so viele Dokumente der Jugendkulturen zu finden sind", sagt er.

Die Sorge ist berechtigt: Derzeit hat das Archiv Geldprobleme, die Kosten steigen. In den zwölf Jahren häuften sich die Bücher, Magazine, Fanzines und Zeitungsartikel. "Vieles bekommen wir von Leuten, die ihren Keller aufräumen, dort auf Sachen aus ihrer Jugend stoßen und sie uns vorbeibringen", erklärt Farin.

Mittlerweile hat der Verein 700 Quadratmeter in einem Gebäude in der Fidicinstraße gemietet, und die kosten 5500 Euro monatlich. Zu viel für einen Verein, der sich hauptsächlich mit Buchverkäufen, Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert. Ende Oktober läuft der Mietvertrag aus, bis dahin möchten Farin und seine Kollegen eine Stiftung gegründet haben, von deren Ausschüttungen sie die Rechnungen bezahlen können. Doch dafür müssen sie erstmal 100.000 Euro sammeln.

Menschen wie Fabian Scholz hoffen, dass das klappt. Der Student aus Göttingen ist am Morgen um sieben Uhr losgefahren, um für ein paar Tage im Berliner Archiv zu recherchieren. Er schreibt seine Magisterarbeit zum Thema "Frauen in der Skinheadszene" und ist auf der Suche nach Jugendmagazinen, die sich damit auseinander setzen. "Heute habe ich 250 Kopien gemacht. Bisher läuft es schon sehr gut", sagt der 27-Jährige. In der Universitätsbibliothek in Göttingen hätte er seltene Hefte wie "The Boozer" nicht gefunden.

Das Archiv der Jugendkulturen ist das einzige seiner Art. "Wir hatten diese Woche auch Studenten aus England da, die recherchiert haben", erzählt Klaus Farin stolz. Mehr als 30.000 Fanzines, 6000 Bücher, 450 Abschlussarbeiten finden Suchende und Neugierige im Archiv. Jede Jugendgruppe ist vertreten, ob Raver, Punk oder Emo. Auch die erste Bravo von 1956 und die älteste Ausgabe des Science-Fiction-Heftes Andromeda aus dem Jahr 1957 stehen in den Regalen.

Als Nika van DéCross vor zwei Jahren auf das Fanzine "Der kosmische Penis" gestoßen ist, musste sie schmunzeln. Nicht wegen des Namens, sondern weil sie die Hefte als Jugendliche selbst gelesen hat. "Ich komme aus der Nähe von Würzburg, dort konnte man die Hefte früher bekommen", sagt die 28-Jährige. Damals war sie noch als Praktikantin in der Archivierung, heute arbeitet sie ehrenamtlich ein paar Tage in der Woche im Büro.

Wie sie nutzen 20 andere Menschen ihre Freizeit, um im Archiv mitzuhelfen. "Wir haben noch sechs Arbeitsmarktgeförderte Stellen und zwei staatliche geförderte Projektstellen", erklärt Farin. Doch diese sind zeitlich begrenzt. Für das Archiv seien zwei feste Stellen nötig. "Einen Bibliothekar und einen Geschäftsführer bräuchten wir, die das langfristig machen können." Doch dafür reicht das Geld des Archivs nicht aus. Farin hat gerade einen Brief an Bürgermeister Klaus Wowereit geschrieben und um ein Gespräch gebeten. Er hofft, dass ein Mietzuschuss drin ist. Auch beim Bund will er noch nachfragen.

Und dann wäre da ja noch der Plan mit der Stiftung. 12.000 Euro haben sie bisher bereits von Spendern bekommen, 88.000 fehlen noch, um die Stiftung gründen zu können. Nach der Rechenart von Klaus Farin dürfte das nicht so schwierig sein. "In Berlin leben über drei Millionen Menschen. Nur 880 von ihnen müssten 100 Euro überweisen. Das müsste zu schaffen sein."

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