Berlin : Arm dran

Rund um den Kreuzberger Mariannenplatz ist in Berlin die Kaufkraft am geringsten. Aber Anwohner sehen auch gute Seiten in ihrem Kiez

Christian van Lessen

Im „Caffee Pinar“ an der Mariannen-/ Ecke Naunynstraße in Kreuzberg gibt es nicht nur Kaffee – auch Erfrischungsgetränke, Spirituosen, Käse und Milch, Handtaschen und Süßigkeiten. Auf dem Wühltisch vorm Haus liegen haufenweise Socken. Sonderangebote, ein Euro das Paar. Das ist vielen Menschen zu teuer. Sie versuchen herunterzuhandeln, sagen Baylav Yasar und seine Verlobte Damla Piner hinterm Ladentisch.

„Ist eine ganz arme Gegend hier.“ Auch die teurer gewordene Milch wird jetzt weniger verkauft. Rund 11 000 Straßen gibt es in Berlin, der Mariannenplatz mit der Mariannen-, Naunyn- oder auch Waldemarstraße gehört zu den ärmsten Gegenden. Sie sind geradezu Schlusslichter. Der Bereich ist ganz unten, rangiert unter der Gegend um Moritzplatz, Rathaus Neukölln, Humboldthain oder Mehringplatz. Schlusslicht war bisher die Marzahner Straße in Hohenschönhausen, die kann laut Sozialverwaltung nun – statistisch jedenfalls – vernachlässigt werden.

Knapp unter 6000 Einwohner leben rund um den Mariannenplatz. Das Gebiet ist von Statistikern als Sozialraum III erfasst. Fast die Hälfte der Einwohner ist türkischen Ursprungs, 44 Prozent beträgt der Anteil von Kindern und Jugendlichen an der Bevölkerung – ein überdurchschnittlicher Wert. Bei der Kaufkraft liegt die Gegend in Berlin an letzter Stelle.

Fast 30 Prozent aller Haushalte mit Kindern und Jugendlichen erhalten Hilfen zum Lebensunterhalt, mit 27 Prozent gibt es die höchste Arbeitslosenquote. Verwahrlosungstendenzen nehmen zu, weil Familienstrukturen nicht funktionieren, heißt es in einem Sozialbericht. Gravierend sei der Wegzug deutscher Eltern aus dem Quartier, jeweils zum Beginn der Schulzeit. Über 99 Prozent der Berliner Bevölkerung leben – statistisch gesehen – in besseren Gebieten. Aber es gibt nicht nur Negativmeldungen: In einigen alten Gewerbehöfen haben sich anspruchsvolle Dienstleistungsbetriebe angesiedelt, etwa Medien- und Designagenturen.

Äußerlich ist die Armut rund um den Mariannenplatz kaum zu spüren. Am Brunnen zechen wie vielerorts stille Trinker, schöne Fassaden sind beschmiert, wie fast überall. Es gibt ein Stadtteilmanagement , in dem Anwohner Sorgen loswerden können, dabei meist über zu hohe Mieten klagen oder über zu viel Müll auf der Straße. Eine Bewohnerinitiative bereitet gerade ein Hoffest vor.

Stefanie Ackermann aus Werder, Praktikantin im Büro des Stadtteilmanagements, kann sich auch vorstellen, hier auf längere Zeit zu leben, die Gegend sei doch eine Art Szeneviertel und die Menschen hier wirkten alle sehr offen. „Arm sein kann auch glücklich sein bedeuten. Es kommt auf die Ansprüche an.“ Ansgar Scherer aus der „Boca Café Bar“ sagt, Armut zeige sich immer zuerst an den Kindern, aber hier sei ihm noch nichts aufgefallen. Es werde viel gelacht, es gebe viele junge Eltern, sicher hätte die Mehrheit nicht viel Geld, aber als „richtig arm“ empfinde er den Kiez nicht. „Es ist angenehm hier“, sagt er, „selten Stress“.

Den Geldmangel im Viertels spürt auch Apotheker Herrmann Rausch. Die Krankenkassen zahlten den Kunden früher Selbstverständliches nicht mehr, diese verzichteten dann auf Medikamente. Er sei, sagt der Apotheker, schon gebeten worden, das Geld für die Praxisgebühr auszulegen.

Baylav Yasar aus dem „Caffee Pinar“ sagt, dass viele Nachbarn hier sich größere Einkäufe nicht mehr leisen könnten. „300 Euro im Monat, was ist das? Alles zu teuer.“ Er hat gerade gegenüber im Penny-Markt eingekauft, im Nu waren 30 Euro weg. Mit dem Euro habe sich die Lage hier verschlechtert. Auch für ihn und sein Café. Seine Verlobte aber sagt, dass hier jeder jeden kennt, das sei doch auch viel wert. „Trotz der Armut will keiner weg.“ Christian van Lessen

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