Berlin : Arme Kinder leben kürzer

Gesundheitsbericht: In welchem Bezirk die Menschen am längsten leben und warum 3500 Berliner einen vermeidbaren Tod starben

Ingo Bach

In Berlin wurden im Jahr 2004 – erstmals seit drei Jahren – wieder mehr Kinder geboren als im Jahr zuvor. Exakt waren es 29 446 Kinder, 723 mehr als 2003. Und doch reicht das nicht aus, um die Zahl der Verstorbenen im gleichen Zeitraum auszugleichen. Das geht aus dem gestern von der Senatsgesundheitsverwaltung vorgelegten „Basisbericht 2005 des Gesundheits- und Sozialwesens“ hervor.

Nach den erhobenen Daten ist die Lebenserwartung in Berlin gestiegen. Kann zum Beispiel ein 1994 geborener Junge statistisch noch ein Lebensalter von 71,6 Jahren und ein Mädchen von 77,2 Jahren erwarten, so dürfen die zehn Jahre später Geborenen auf 75,9 beziehungsweise 81,3 Lebensjahre hoffen. Je nachdem, in welchem Berliner Bezirk sie leben, kommt noch etwas Zeit hinzu – oder muss abgezogen werden. So beträgt die Lebenserwartung eines Jungen im wohlhabenden Steglitz-Zehlendorf 77,3 Jahre, im ärmeren Friedrichshain-Kreuzberg sind es nur 73,8 Jahre. Denn die Lebensumstände – Arbeitslosigkeit zum Beispiel, Einkommenshöhe oder Herkunft – haben einen entscheidenden Einfluss auf die Lebenserwartung.

Ein paar Jährchen könnten die Berliner statistisch noch rausholen, wenn sie gesünder lebten. 2004 erlagen in der Stadt rund 1150 Frauen und 2300 Männer einer – so nennen das die Statistiker – vermeidbaren Todesursache: zum Beispiel einem Verkehrsunfall, Suizid oder einer Krankheit, die durch ungesunde Lebensweise verursacht wurde. Allein an nikotingeschuldetem Lungenkrebs, an den Folgen des Alkoholmissbrauchs und an Aids starben 420 Berlinerinnen und 999 Berliner, die jünger als 65 waren.

Auf der anderen Seite ist der Großstadtverkehr in der Hauptstadt offenbar weniger gefährlich als andernorts, so zumindest das Rechenergebnis der Statistiker, die nüchtern registrieren: Mit jährlich 0,5 ums Leben gekommenen Kindern je 100 000 Einwohnern lag Berlin in den vergangenen drei Jahren deutlich unter dem Bundesschnitt von 1,7 Kindern.

Dafür ist der Haushalt ein gefährlicher Ort, denn hier registrierten die Gift-Beratungsstellen 90 Prozent aller kindlichen Vergiftungsunfälle. Kleinkinder verschluckten zu Beispiel häufig Grillanzünder oder Lampenpetroleum.

Dem Basisbericht zufolge werden jährlich 23 400 Jungen und 17 800 Mädchen in Berliner Krankenhäusern behandelt, dies sind sieben Prozent aller Krankheitsfälle. Häufigste Gründe für einen Klinikaufenthalt sind bei Säuglingen ein zu niedriges Geburtsgewicht und infektiöse Durchfallerkrankungen, bei Klein- und Schulkindern chronische Krankheiten der Gaumen- und Rachenmandeln, Gehirnerschütterungen, infektiöse Durchfallerkrankungen und akute Blinddarmentzündungen. Die häufigste Behandlungsdiagnose in kinderärztlichen Praxen ist der grippale Infekt, aber auch Asthma und Neurodermitis werden häufig behandelt.

Der rund 620 Seiten starke Basisbericht ist im Internet veröffentlicht unter: www.berlin.de/sen/gsv/statistik/gesundheit/index.html

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