Berlin : Armgard von Rosenberg Gruszcynski, geb. 1918

Ulrike Demmer

Armgard ist ein Kind der Revolution, geboren im September 1918. Sie hat Mut und einen unerschütterlichen Willen. Wenn Armgard bockig ist - und Armgard ist oft bockig - dann wird sie im Garten an den Pfahl gebunden, zusammen mit einem Ziegenbock. Da rennt sie mit dem Tier im Kreis, um ihre überschüssigen Energien los zu werden.

Für ein Mädchen ist sie einfach zu wild. Sie fährt mit gebrochenem Arm Fahrrad, bis auch der Gips zerbricht und rauft wie ein Junge. Ein andermal erwischt man sie dabei, wie sie einen Regenwurm auseinanderzieht. Da reißen die Eltern, ganz pädagogisch, ebenfalls an ihren Gliedmaßen. Hin und wieder zückt der strenge Vater auch die Reitpeitsche. Aber Armgard lässt sich nicht zähmen, und irgendwie ist der Vater auch stolz darauf. Im Spitzenkleidchen, mit ordentlichem Seitenscheitel posiert sie nur für Familienfotos.

Trotz aller Strenge liebt Armgard ihren Vater. Es ist eine schöne Kindheit auf dem Land. Der Familie geht es gut. Für die Hausarbeit gibt es Mädchen, und das Gut in Dambrau bei Oppeln ist ein Paradies für Kinder.

Mit elf ist das Vergnügen dann vorbei. Eine von Rosenberg Gruszcynski gehört ins Internat. Armgard wird Schülerin im Kaiserin-Augusta-Stift zu Potsdam, dem angesehenen Institut für höhere Töchter, gleich neben dem Cecilienhof. Da wird das "gnädige Fräulein" erst einmal in eine Uniform gesteckt. Hier tragen die zukünftigen Damen der Gesellschaft Matrosenkleidchen - im Sommer das weiße, im Winter das blaue. Sie hält nur bis zur Mittleren Reife durch. Dann muss sie gehen. Armgard ist zu wild.

Jahrzehnte später erzählt sie ihren Enkelinnen begeistert von den Streichen, die sie Eltern und Lehrern gespielt hat. "Den Kindern kam es immer so vor, als sei meine Mutter aus dem Mittelalter", sagt die Tochter mit Blick auf die Schwarzweiß-Fotos an ihrer Wohnzimmerwand. Auf dem Couchtisch die Familienchronik der von Rosenbergs und ein Ordner mit Urkunden: darin die Stasiakte und ein Brief aus dem Bundespräsidialamt.

Kurz vor Kriegsbeginn 1939 begleitet Armgard ihren Vater zum Wiener Opernball. Das Ballkleid steht ihr, der Vater hat allen Grund, stolz auf die Tochter zu sein. Ihrem Tanzpartner, Oberstleutnant Bonwetsch, verdreht sie sofort den Kopf. Einen Tag vor Weihnachten ist bereits Hochzeit, Armgard tauscht ihren Adelsnamen gegen den bürgerlichen Namen des Offiziers aus.

Den Kriegsausbruch erlebt sie in nächster Nähe. Armgard arbeitet auf einem Gut in Kujan, zwei Kilometer von der deutsch-polnischen Grenze entfernt. Sie sieht deutsche Soldaten verkleidet in polnischen Uniformen. "So konnten Sie behaupten, die Polen hätten angegriffen", empört sich Armgard. Ihren Enkelinnen kann sie erklären: "Die Deutschen haben angefangen".

Den ganzen Krieg über hört sie Feindsender - heimlich. Ihr Mann darf das nicht wissen. Sie leben bei Wien in einer großen Wohnung mit Biedermeiermöbeln und dem Rosenthal-Porzellan aus dem Hause Rosenberg Gruszcynski. Ein Hausmädchen gibt es nicht, da bleibt der Aufwasch auch mal unerledigt. Als irgendwann der Turm schmutziger Teller ins Wanken gerät und in tausend Stücke zerspringt, bricht Armgard in schallendes Gelächter aus. Ihr Mann verlässt die Wohnung mit versteinerter Miene. Er kommt zwei Tage lang nicht nach Hause.

Die Ehe der Bonwetschs läuft nicht gut. Noch vor Kriegsende lässt Armgard sich scheiden. Den Namen Bonwetsch tauscht sie wieder gegen den Mädchennamen.

Dann kommen die Russen. Mit 20 Kilo Handgepäck, im Arm die fünfjährige Tochter Antje-Maria, kann Armgard 1946 mit dem letzten Zug aus Wien fliehen. Im Gepäck hat die zierliche Frau nicht Schmuck, Fotos oder frische Wäsche, sondern einen Dosenöffner und eine Hängematte für Antje-Maria. Die Tochter ist die einzige im Viehwaggon, die nicht auf dem Boden schlafen muss.

In Potsdam bei den Eltern angekommen, arbeitet Armgard von Rosenberg Gruszcynski erst als Gärtnerin, dann bekommt sie eine Stelle als Registratorin im Potsdamer Justizministerium. Schon nach wenigen Monaten ist sie Justiz-Obersekretärin. Aber im Ministerium ist Recht nicht das, was Armgard für rechtens hält. Also kopiert sie Urteile und schmuggelt sie für den "Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen" nach West-Berlin. Sie ist nicht vorsichtig genug.

Wieder springt sie in letzter Sekunde auf einen Fluchtzug, diesmal nach West-Berlin, ohne Handgepäck und ohne Kind. Armgard wird in Abwesenheit wegen Spionage verurteilt. Sie hat Angst vor einer Entführung - zwei ihrer Kollegen fallen der Stasi zum Opfer. Auf ihre Tochter muss sie drei Jahre warten. Danach lässt sie das Kind nicht mehr aus den Augen.

Umarmungen sind selten. "Meine Mutter hat gnädig die Wange hingehalten." An körperliche Nähe erinnert sich Antje-Maria nicht. Armgard hilft ihrer Tochter lieber bei den Hausaufgaben.

Ein neuer Mann kommt nicht ins Haus. Armgard verdient selbst. "So viel Taschengeld zahlt mir kein Mann", sagt die Personalreferentin. Armgard fährt einen weißen Sportwagen mit roten Ledersitzen. Ihre Altersgenossinnnen stehen hinter dem Herd. Armgard ist unabhängig.

Sie bleibt es bis zu ihrer Erkrankung. Sie ist 77, als die Ärzte Alzheimer diagnostizieren. Mehr als vier Jahre lebt sie noch im Heim, angewiesen auf die Hilfe anderer. Das hätte ihr nicht gepasst. Eine von Rosenberg Gruszcynski bewahrt Haltung. Ihren Namen hat sie da aber schon vergessen.

Armgard von Rosenberg Gruszcynski hat bis zu ihrer Pensionierung für die "Freiheitlichen Juristen", später Teil der "Bundesanstalt für gesamtdeutsche Fragen" gearbeitet. 1982 bekam sie dafür das Verdienstkreuz am Bande. Ihr Vater wäre stolz auf sie gewesen.

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