Armut in Neukölln : Buschkowsky wirbt um arbeitslose Eltern

Die Bundesagentur für Arbeit möchte vermehrt Eltern, die Hartz IV beziehen, in Arbeit vermitteln. Auch der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky hält dies für wichtig, nennt aber viele Schwierigkeiten.

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Raus aus der Abhängigkeit von Sozialleistungen. Die Bundesagentur für Arbeit möchte vermehrt Eltern, die bislang Hartz IV bekommen, in Jobs vermitteln.
Raus aus der Abhängigkeit von Sozialleistungen. Die Bundesagentur für Arbeit möchte vermehrt Eltern, die bislang Hartz IV...Foto: dpa

ARBEIT ALS WERT

In etlichen Neuköllner Haushalten sind die Kinder die Einzigen, die einen geregelten Tag haben und morgens früh aufstehen, da sie zur Schule müssen. Ihre Eltern sind arbeitslos. Dieses Phänomen betont Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) seit Jahren immer wieder. Dieses Problem hat jetzt die Bundesagentur für Arbeit aufgegriffen, um gezielt Eltern, die Hartz IV beziehen, in Arbeit zu vermitteln. „Wir können nicht tatenlos hinnehmen, dass sich Armut in unserer Gesellschaft vererbt. Kinder brauchen gute Vorbilder, die ihnen vermitteln, dass Lernen und Arbeiten zum Leben gehören“, hieß es zum Motto eines Aktionstages im Jobpoint Neukölln. Dort, wo sich Hartz-IV-Empfänger über Arbeitsangebote informieren können, warb auch Bundesagentur-Vorstand Heinrich Alt dafür, dass Unternehmen die Potenziale der Eltern für den Arbeitsmarkt nutzen sollen. „Die Berufstätigkeit der Eltern motiviert auch die Kinder“, sagte Alt und verwies auf Studien, dass die Noten der Kinder besser würden, wenn die Eltern einen Wiedereinstieg ins Berufsleben schafften.

DER WERT DER ARBEIT

Angesichts eines großen Billiglohnsektors sei es aber oft nicht einfach, die Menschen zur Arbeit zu motivieren, sagte Buschkowsky: „Hier reiht sich beispielsweise Backshop an Backshop, und dort werden oft nur drei Euro die Stunde gezahlt.“ Oder eine Friseurin bekomme für sechs Tage Arbeit pro Woche oft nur 700 Euro im Monat. „Da fragt sich manche alleinerziehende Mutter, warum sie sich den Stress antun soll, wenn es ihr definitiv nichts bringt“, sagte Buschkowsky. Sie müsse trotzdem weiter zum Jobcenter und aufstocken, da ihr Verdienst zum Leben nicht ausreiche. Buschkowsky verweist auf Teile Neuköllns, wo 75 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Haushalten leben. In diesen Gegenden hätten sich die Menschen damit arrangiert, von Sozialleistungen zu leben. „Das sind Menschen, denen man erst beibringen muss, dass Arbeiten auch ein Lustgefühl bringen kann“, sagte der Bezirkschef. Insgesamt erhalten rund 79 000 Menschen in Neukölln Hartz IV, berlinweit sind es rund 570 000 Menschen. In der gesamten Stadt lebt ein Drittel der Kinder in Haushalten, die Hartz-IV-Leistungen beziehen.

BILDUNG

Nach Auffassung Buschkowskys kann die Verfestigung von Arbeitslosigkeit gerade in einem Bezirk mit einem hohen Anteil an Migranten nur durch Bildung und den Erwerb der deutschen Sprache verhindert werden. In diesem Zusammenhang plädierte er erneut für eine Kitapflicht der Kinder, denn es sei wichtig, so früh wie möglich damit zu beginnen: „Wer ohne Sprachkenntnisse eingeschult wird, ist der Jobcenter-Kunde von morgen.“ Die Wirtschaft sei auch auf diese Kinder angewiesen. „Die Zukunft liegt da, wo Kinder sind – in Neukölln, Bremerhaven und Duisburg und nicht in Starnberg oder an der Elbchaussee.“ Sigrid Kneist

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