Berlin : Armut macht auch krank

Kongress: Lebenserwartung bis zu zehn Jahre geringer

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Wer in Deutschland arm ist, hat ein doppelt so hohes Risiko, krank zu werden, wie Menschen mit höherem Einkommen – und eine um bis zu zehn Jahre geringere Lebenserwartung. Als arm gilt hierzulande jeder, dem weniger als 60 Prozent des in seiner Region durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung stehen. In Deutschland trifft das auf gut jeden zehnten, in Berlin auf fast jeden fünften Einwohner zu. In Stadtteilen wie Kreuzberg ist sogar annähernd jeder vierte arm. Die Themen, die auf Grundlage dieser Zahlen auf dem für gestern und heute im Rathaus Schöneberg angesetzten Kongress „Armut und Gesundheit“ besprochen werden, betreffen Berlin also besonders.

Auf der von „Gesundheit Berlin“ initiierten Veranstaltung treffen sich jährlich rund 1800 Teilnehmer, die hier über Projekte und Strategien zur Gesundheitsförderung von sozial Benachteiligten diskutieren. Darüber hinaus stellen sich diesmal rund 60 Präventionsprojekte und Workshops vor. Im Mittelpunkt der derzeitigen Arbeit stehen Aktionen für Kinder. Jedes fünfte Kind in Deutschland lebt laut den Veranstaltern in Armut. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen nicht die gleichen Rahmenbedingungen haben und die Schere zwischen Arm und Reich stetig weiter auseinandergeht“, fasste Hans Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands, in dem rund 57 Prozent der Arbeitslosengeld-II-Empfänger versichert sind, die Situation zusammen.

Gemeinsam mit anderen Vertretern aus Politik, Wissenschaft und Praxis forderte er gestern mehr gebündelte Maßnahmen zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation von sozial benachteiligten Gruppen und kritisierte die Pläne der neuen Gesundheitsreform als nicht hilfreich. Rolf Rosenbrock, unter anderem Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, warnte davor, wirtschaftliche Not und das daraus resultierende Krankheitsrisiko lediglich als Problem der Gesundheitspolitik aufzufassen. Armut und Gesundheit seien gesamtgesellschaftliche Probleme.

Der Kongress „Armut und Gesundheit“ entstand aus einer studentischen Initiative und findet dieses Jahr zum zwölften Mal statt. Er gilt als größte regelmäßige Veranstaltung im Bereich „public health“ in Deutschland. mho

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