Armutsgrenze : Leben von 245 Euro

Alleinerziehend, schwer vermittelbar. Pech gehabt?

Es ist ein ungemütlicher Herbsttag. Ein Grüppchen von 20 Leuten hat sich auf dem Schlossplatz in Mitte versammelt, um gegen Kinderarmut und soziale Ausgrenzung zu protestieren. Die wenigen Passanten nehmen von der Aktion keine Notiz. Inge Z. gehört zu den Demonstranten. „Ich kann nicht verstehen, dass nicht viel mehr Betroffene auf die Straße gehen“, sagt die 49-Jährige einige Tage später bei einem Gespräch in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Wilmersdorf. Die schlanke, große Frau ist seit dem Sommer 2000 arbeitslos. Damals wurde ihr Vertrag als Projektleiterin bei einem freien Träger nicht verlängert.

„Irgendwie war mir schon damals klar, dass es für mich schwer wird“, sagt Inge Z. Denn eine Frau Anfang vierzig gilt als kaum mehr vermittelbar. Die Umstellung zu Hartz IV Anfang 2005 bedeutete für die studierte Betriebswirtin einen Einschnitt. Die Arbeitslosenhilfe war um einiges höher ausgefallen, nun bekommt sie insgesamt 1030 Euro. Mit Arbeitslosengeld II, Kindergeld und Unterhalt haben Mutter und Tochter netto knapp 650 Euro zur Verfügung. Die Miete in Höhe von 380 Euro zahlt das Jobcenter. Inge Z. hat Prioritäten für ihre Fixkosten im Monat. Dazu gehören 70 Euro Taschengeld für die Tochter, die in diesem Jahr ihr Abitur gemacht hat, auch deren Ausbildungsversicherung. Außerdem hat Z. seit 30 Jahren für Amnesty International gespendet. Die 15 Euro monatlich überweist sie weiterhin. Nach Abzug dieser Kosten – Strom, Versicherung, Telefon, Internet und BVG – bleiben 245 Euro im Monat. Davon muss Inge Z. den laufenden Lebensunterhalt für beide bestreiten.

Die Geldknappheit macht ihr zu schaffen. Alle Ersparnisse, die das Jobcenter als Freibeträge gestattet, sind inzwischen aufgebraucht. Kinobesuche seien nicht mehr drin, sagt sie. Auch ihre sparsam, aber freundlich möblierte Wohnung würde sie gerne renovieren. Doch das Geld reicht nicht. Manchmal kann sie es durch kleine Jobs aufstocken. Die 100 Euro, die sie mal für eine Schreibarbeit erhält, kann sie in voller Höhe behalten. Von den 200 Euro für einen Putzjob bleiben nach den Regelungen des Jobcenters nur 120 Euro. Einen Ein-Euro-Job, den viele Hartz-IV-Empfänger machen, um ihr Einkommen aufzubessern, lehnt Z. aus politischen Gründen ab. „Das ist reines Lohndumping.“ So würden nur reguläre Arbeitsplätze verdrängt. Ihr aber wurde nie einer angeboten.

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