Armutsquartiere : Kampf den Ghettos

Berlin will der wachsenden sozialen Kluft in den Bezirken mit einem „Aufstiegsprogramm“ begegnen. Wie lösen andere Großstädte dieses Problem?

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Arm in Berlin. Mit einem neuen Programm will die SPD die soziale Integration fördern. Ein Thema, an dem sich andere Großstädte mit...laif

Paris. Die Segregation schreitet voran. Auch in der Pariser Region wächst der Abstand zwischen den Armutsquartieren und den übrigen Wohnbezirken – mit einem Unterschied freilich zu Berlin: Die Viertel, in denen sich die sozialen Probleme zu einem explosiven Gemisch konzentrieren, das sich im Herbst 2005 in einem Aufruhr entlud, liegen nicht in der Hauptstadt selbst, sondern in der Banlieue, den angrenzenden Vororten mit ihren „sensiblen urbanen Zonen“, den ZUS, wie sie bürokratisch genannt werden.

Wie groß die Probleme in den insgesamt 751 ZUS sind, die es außer in der Hauptstadtregion auch in den Ballungsräumen anderer Großstädte Frankreichs gibt, belegen Zahlen aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht des „Nationalen Observatoriums der sensiblen urbanen Zonen“. Ein Drittel der dort wohnenden 4,5 Millionen Einwohner lebt unterhalb der Armutsgrenze von 908 Euro im Monat, während es im Rest des Landes zwölf Prozent sind. Fast jedes zweite Kind in den ZUS wächst in Armut auf. Für ebenso viele endet die Schule ohne ordentlichen Abschluss. Mit 16,9 Prozent ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch wie im nationalen Durchschnitt. Bei Jugendlichen ist sie noch höher. Ein Drittel der Mädchen im Alter von 15 bis 24 Jahren ist arbeitslos. Noch schlimmer sind männliche Jugendliche der gleichen Altersklasse dran. 41,7 Prozent von ihnen finden weder einen Ausbildungsplatz noch eine Beschäftigung.

Der Bericht ist ein vernichtendes Zeugnis für die Stadtentwicklungspolitik der Regierung. Für dieses Ressort hatte Präsident Nicolas Sarkozy eine von der politischen Linken kommende Aktivistin als Staatssekretärin rekrutiert: Fadela Amara. Doch für ihren Plan „Espoir Banlieue“ (Hoffnung für die Banlieue) gibt es kein Geld. Sie ist auf die Zusammenarbeit mit anderen Administrationen angewiesen, bei denen sie auf wenig Kooperationsbereitschaft trifft. Seit 2005 sei praktisch nichts zur Verbesserung der Lage geschehen, kritisiert die Opposition. „Ich glaube, Fadela Amara begeht einen fundamentalen Irrtum, wenn sie annimmt, Nicolas Sarkozy will agieren“, meint Claude Dilain, sozialistischer Bürgermeister von Clichy-sous-Bois, dem Ort, von dem vor vier Jahren die Unruhen ausgingen. Der Präsident interessiere sich für die Banlieue nur, wenn es um Sicherheit und illegale Einwanderung gehe. „Die Frage ist: Will man nur, dass in der Banlieue Ruhe herrscht oder will man die Ghettos absorbieren?“ Hans-Hagen Bremer, Paris

London. Radikale Baumaßnahmen sind das Einzige, was bei den britischen Problemsiedlungen der fünfziger und sechziger Jahre wirklich hilft, die einmal Sozialghettos aufbrechen sollten und stattdessen selbst zu welchen wurden. „Sink Estates“ heißen diese „sinkenden“, untergehenden Sozialsiedlungen, in denen die Hoffnung schwindet und die Indikatoren der Armut hochschnellen: Keine Ausbildung, kein Job, kein Geld, Suchtkrankheit, Arbeitsunfähigkeit, schlechte Wohnungen, Kriminalität. In London, wo Wohnraum teure Mangelware ist, verschwinden immer mehr der alten, billig gebauten Wohnsilos, werden durch attraktivere, qualitätvolle Wohnungen ersetzt und sozial neu gemischt. So rücken auch in Europas größter Sozialsiedlung, dem Aylesbury Estate in Southwark, wo 8000 Menschen wohnen, Abrissbagger an. Londoner nannten das Estate den „Vorhof der Hölle“. Vor zwei Jahren wurde dort ein 20-Jähriger erschossen und seine Leiche lag 24 Stunden in einem Gemeinschaftsgarten. Niemand meldete es der Polizei.

Southwark wird in den nächsten 15 Jahren 2,4 Milliarden Pfund in den Um- und Neubau investieren. Der größte Block wird abgerissen, ein dichteres Netz neuer Gebäude erhöht die Zahl der Wohneinheiten auf 4900. Aber nur noch 2300 davon werden Wohnungen für Sozialmieter sein, der Rest wird an Eigenheimbesitzer verkauft. Die bessere soziale Mischung ist unabdingbar eine Voraussetzung für eine Regenierung, sagen Experten. „Andere Schichten vor Augen zu haben, ist eine Sprosse auf der Chancenleiter“, sagt der Londoner „Nachbarschaftsforscher“ Richard Webber. Aber diese Neumischung reicht nicht. Parallel dazu gibt es eine Stiftung, den „Creation Trust“, der mit einer Vielzahl von Projekten Gemeinsinn und Zusammenhalt stärkt, vom Gartenclub über „LeadershipKurse“ für Jugendliche bis zu Jobbörsen oder Programmen, die Jugendlichen zu Lehrstellen oder Praktikantenplätzen verhilft. Und auch das ist nicht genug. Der Creation Trust heuerte für ein Jahr eine der besten britischen Werbeagenturen an, um dem Wohngebiet ein neues Image zu verpassen. Matthias Thibaut

Rotterdam. Rotterdam ist mit 600 000 Einwohnern rund doppelt so groß wie Neukölln, hat aber eine ähnliche Bevölkerungsstruktur. In Rotterdam stammt jeder Zweite aus einer Einwandererfamilie, in Neukölln jeder Dritte. Um die soziale Durchmischung in Stadtteilen zu fördern und sie so vor dem Abdriften zu bewahren, verhängen die Rotterdamer immer wieder für eine begrenzte Zeit, etwa für vier Jahre, Zuzugsbeschränkungen. So wird erreicht, dass in sozial schwache Gebiete nicht noch mehr sozial Schwache ziehen, sondern Menschen mit Arbeit. Um kriminelle Netzwerke aufzulösen, scheute sich die Rotterdamer Stadtverwaltung auch nicht, kriminell gewordene Familien zwangsweise in einen anderen Stadtteil umzusiedeln. Um früh einschreiten zu können, wenn sich die Bildung von Ghettos abzeichnet und soziale Probleme möglichst früh zu erkennen, wurden in Brennpunktkiezen „Transfer-Informationspunkte“ eingerichtet. Das ist eine Art Quartiersmanagement, in dessen Büros sich Schulleiter, Sozialarbeiter, Richter gemeinsam um Problemfamilien kümmern und ihre Erkenntnisse über Personen austauschen. In Deutschland ist ein solcher Austausch zwischen den Verwaltungen, bei dem auch persönliche Daten weitergegeben werden, wegen des Datenschutzes schwer möglich. Alle Schulen in sozialen Brennpunkten wurden zudem mit Sozialarbeitern ausgestattet und zu Elternzentren ausgebaut, in denen Eltern Sprachkurse besuchen können, bei der Arbeitssuche und der Erziehung beraten werden. Um mit allen Eltern in Kontakt zu kommen, werden Zeugnisse nur persönlich an die Eltern ausgegeben. Dadurch sind sie gezwungen, zumindest zweimal im Jahr in die Schule zu kommen. Claudia Keller

Hamburg.Wie laufen ganzheitliche Stadtentwicklungspläne von CDU und Grünen eigentlich zusammen? Am besten mit einer Vereinbarung im Koalitionsvertrag, sagte man sich bei Regierungsbildung in Hamburg. Behördenübergreifend und mit den Bezirken soll in den Stadtteilen geplant und realisiert werden, wobei Bürgermeister Ole von Beust selbst in der federführenden Senatskommission sitzt und das Thema zur Chefsache aufgewertet hat.

Die CDU hat ihren Bürgerschaftswahlkampf 2008 unter dem Slogan „Wachsende Stadt“ bestritten, bei der Grün-Alternativen Liste (GAL) hieß es „Kreative Stadt“. Im Koalitionsvertrag vereinbarten beide Parteien, ein Programm zu erarbeiten, mit dem benachteiligte Stadtteile besser an die Entwicklung der Gesamtstadt angekoppelt werden. Das ehrgeizige Unterfangen läuft unter dem blumigen Titel „Hamburg. Deine Perlen“ in Anlehnung an ein fast namensgleiches Lied des hanseatischen Kultsängers Lotto King Karl. Auf Arbeitsebene und im Behördenjargon kursiert es unter der Abkürzung „Rise“ für „Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung. Es soll nicht mehr passieren, dass die Baubehörde ein förderungswürdiges Sanierungsgebiet ausschreibt und an Schreibtischen der Bildungsbehörde just dort die Schließung einer Schule beschlossen wird. Anhand dieses Negativbeispiels habe der Senat seine Lehren gezogen, berichtet Enno Isermann, Sprecher der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt.

Bei Vorstellung von „Rise“ sagte GAL-Umweltsenatorin Anja Hajduk: „Die besten Ideen für einen Stadtteil kommen häufig von Menschen, die selbst in dem Quartier leben. Mit Engagement und Begeisterung setzen sie sich für Verbesserungen ein.“ Unter dieser Prämisse soll die Verwaltung künftig bei Projekten und Maßnahmen als niedrigschwelliger und generationsübergreifender Dienstleister fungieren, der Verbände vor Ort wie Kirchen, Sportvereine und Wohnungsunternehmen in alle Planungs- und Entwicklungsschritte einbindet. Oft wird nur durch vernünftige Absprache untereinander, also Koordination und Vernetzung, Effizienz erzielt, die in haushaltspolitisch schwierigen Zeiten mitunter auch noch volks- und betriebswirtschaftliche Vorteile beschert. Die Koalition will mit „Rise“ der sozialen Spaltung der Stadt entgegentreten und versuchen, dass sich an bestimmten Punkten der Elbmetropole keine Armut verfestigt. Die Praxis sieht trotzdem vielerorts anders aus. Das zeigt ein Monitoring der Stadtteile, das angelehnt ist an die Betrachtungsweise von Hartmut Häußermann, der auch die aktuelle Sozialstudie in Berlin verantwortet. Es soll dauerhaft betrieben werden, um auch auf Wandlungen reagieren zu können.

Fünf Behörden plus Senatskanzlei versuchen, zusammen mit den sieben Bezirksverwaltungen die soziale Problemlage in Quartieren zu überwinden. Und weil kommunale Sozialarbeit meist einem gesellschaftlichen Reparaturbetrieb gleicht, muss der Senat auch Geld in die Hand nehmen: 29 Millionen Euro ist diese Arbeit dem Senat dieses Jahr wert.

Die zwölf Handlungsfelder: Beschäftigung, Qualifizierung und Ausbildung, lokale Ökonomie, Familienförderung, Bildung, Integration, lokaler Wohnungsmarkt und Wohnwirtschaft, Gesundheitsförderung, Sport, Kultur, Wohnumfeld und öffentlicher Raum, Umwelt und Verkehr sowie Sicherheit. Als Anlaufpunkte von Vernetzung in den Stadtteilen dienen Begegnungsstätten, die unter unterschiedlicher Trägerschaft betrieben werden können. Vor Ort sind Quartiersmanager für die Steuerung verantwortlich.

„Wir versprechen keine blühenden Landschaften“, will Rise-Programmchef Claudius Lieven zu hohe Erwartungen dämpfen. Man habe sich mit dem Konzept angelehnt an Erfahrungen vom Deutschen Institut für Urbanistik (Berlin/Köln), an ein Papier der Universität St. Gallen oder an dänische Beispiele, so Lieven weiter. Dieter Hanisch

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