Berlin : Arnold Tymberg (Geb. 1916)

Seinen Bruder nannte er "Der große Schweiger"

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Das ist die Geschichte zweier Brüder, aufgezeichnet von Arnold, dem älteren, in zwei Kladden, Schreibmaschinenpapier, Pappeinband, die kaum mehr als hundertzwanzig Seiten umfassen, wenig Raum für alles Geschehene.

Arnold und Helmut wuchsen in Berlin auf. Zwei unterschiedliche Temperamente: der Ältere impulsiv und sehr musikalisch, der zwei Jahre Jüngere stiller, bedächtiger; einer, der lieber einen Schritt zurückblieb. Es war eine glückliche Kindheit für beide, bis die Eltern Mitte der zwanziger Jahre beschlossen, nach Polen zurückzukehren, in die kleine Stadt Oswiecim, besser bekannt unter dem deutschen Namen Auschwitz.

Auf dem ersten Heft der Aufzeichnungen ist ein Bild von Arnold aufgeklebt. Er war ein gut aussehender Mann mit bezwingendem Charme. Sein großer Traum war es, Opernstar zu werden. In der jüdischen Gemeinde brachte er es bald zum Vorsänger, und als er die Schule beendet hatte, beschloss er, in Italien zu studieren. Den Eltern zuliebe schrieb er sich im Fach Medizin ein, tatsächlich verbrachte er mehr Zeit in der Oper und ließ sich als Sänger ausbilden. Regelmäßig kam er in den Semesterferien nach Hause, so auch im Sommer 1939.

Als Deutschland Polen überfiel, rettete sich Arnold ins sowjetisch besetzte Ostpolen und wurde da dank seiner leutseligen Art Ortsvorsteher in einem kleinen Dorf im Niemandsland. Kurz zuvor hatte er auf der Flucht seine große Liebe wiedergetroffen, in Krakau hatten sie sich kennengelernt. Sie blieben zusammen bis zu ihrem Lebensende.

Helmut war mit den Eltern in Auschwitz geblieben. Vater und Mutter wurden ermordet, er selbst wurde zum Arbeitsdienst gezwungen. Er hat immer Stillschweigen über das Geschehene bewahrt, auch gegenüber seinem Bruder. „Der große Schweiger“, so nannte ihn Arnold.

Als das Ende des Tausendjährigen Reiches nahte, wurde Helmut von Auschwitz nach Buchenwald gekarrt, dann im Viehwaggon Richtung Bayern transportiert. Die Wachen schossen wahllos in die Waggons, so verlor er die rechte Hand. Mehrfach wurde der Arm verkürzt, weil die Wunde sich immer wieder entzündete. Er überlebte, ließ sich in Berlin nieder und gründete einen Textilienhandel.

Als die Deutschen die Sowjetunion überfielen, floh Arnold weiter nach Osten, Richtung Stalingrad. Er wurde freundlich von den Russen aufgenommen, ein Medizinstudienplatz schien sicher, ein Sohn wurde geboren – da kam die Aufforderung, sich der Armee als Sanitäter anzuschließen.

Er rückte mit der Sowjetarmee wieder gen Westen vor. Bei den Soldaten war er beliebt, auf den Weihnachtsfeiern unterhielt er mit seinem Gesang, mit seinem Mut verdiente er sich ihren Respekt. Als ein Armeelager mit explosiven Stoffen in Flammen stand, war er es, der hineinlief und das Gefahrengut herausholte – was ihm einen Orden der Sowjetarmee einbrachte. Sein Sohn starb auf dem langen Marsch Richtung Westen.

Über Wien und Prag kam er nach Leipzig. Es stand ihm frei zu bleiben oder zurück nach Russland zu gehen, er entschied sich für ein Medizinstudium.

Die Brüder fanden sich wieder, aber Helmuts erste Frau denunzierte Arnold als Deserteur, was ihm zwei Monate Haft einbrachte, bis sich herausstellte, dass er ehrenhaft entlassen worden war. Helmut trennte sich von seiner Frau, anders als Arnold hatte er lange kein Glück in der Liebe.

Arnold konnte sein Studium fortsetzen, kam für vier Jahre ins Jüdische Krankenhaus nach Berlin und wanderte dann nach Israel aus, wo er sich als Arzt niederließ.

Helmut blieb in Berlin und wechselte vom Textil- ins Porzellanfach, Meißener Porzellan vor allem, das er 40 Jahre lang vertrieb. Die Brüder pflegten ihren Zusammenhalt, und was Arnold besonders freute, war, dass Helmut dann doch noch sein Glück fand, mit 89 heiratete er. Arnold und Helmut starben beide in diesem Jahr im Abstand von wenigen Monaten. Arnold ging wie immer voran. Gregor Eisenhauer

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