Berlin : "Around the corner": Bilder einer langen atemlosen Sekunde

Esther Kogelboom

Mit kleinen Augen blickt er auf die Tischplatte. Er würde sich jetzt am liebsten schlafen legen, vielleicht für ein, zwei Stunden. Der Espresso hilft nicht mehr. Joerg Reichardt ist müde. Er zieht ein Buch aus der Tasche, darin sind lauter Bleistift-Skizzen von seinen Fotoarbeiten. Reichardts Bilder sind fertig, bevor er auf den Auslöser seiner Plattenkamera drückt. Der Fotograf hat die Nacht über Bilder aufgehängt und die endgültige Anordnung der großformatigen Werke festgelegt. "Around the corner" heißt die Ausstelluntg, die zur Zeit in Beate Wedekinds Galerie "Picture Show" zu sehen ist.

"Menschen in Ecken sind mein Thema", sagt der Wahlkreuzberger, und: "Handlungen und Menschen interessieren mich nicht." Und wirklich passiert auf Reichardts statischen Aufnahmen rein gar nichts. Die menschlichen Objekte sind fast immer eingebunden in eine streng geometrische Anordnung, sie sind Staffage zwischen den flüchtenden Linien der grafischen Bildkomposition. Reichardt ist ein Rechter-Winkel-Fetischist, ein Virtuose bei präzise 90 Grad: Eine Verkäuferin im Laden für russische Lebensmittel guckt seltsam entrückt. Eine Marzahnerin steht in ihrer Küche, hält eine Salatschüssel in der Hand und guckt. Eine Frau sitzt an der Pförtnerloge im Sony-Center und guckt so vorwurfsvoll, dass der Betrachter nicht anders kann, als sich auf frischer Tat ertappt zu fühlen. Aber bei was? Beim Zurückgucken?

"Ich will, dass die Leute sich selber betrachten", sagt Reichardt und räumt sein Buch vom Tisch. Die Bilder aus "Around the corner" sind allesamt eine lange, atemlose Sekunde belichtet. "Für diese Zeit", erklärt der Mann mit der Lücke zwischen den Schneidezähnen, "muss jeder die Vorstellung von sich selber aufgeben."

In der Schweiz geboren, absolviert Reichardt nach dem Studium an der Kunstgewerbeschule Basel eine Haute-Couture-Schneiderlehre in München. Danach folgen Kostüm- und Kameraassistenzen beim Film. In den 80er Jahren arbeitet Reichardt als Modefotograf in Berlin und Paris. Ende 1999 kommt er aus New York zurück nach Berlin.

"Berlin ist erfrischend, wenn man aus einer Turbo-Metropole kommt. Hier finde ich tatsächliche Vielfalt und Freiheit." Kreuzberg erinnere den Fotografen, der im Auftrag des Bistums Limburg eine Serie von Frauenporträts mit dem Titel "Paragraf 219 - Schwangerschaftskonfliktberatung" fertigte, am meisten an New York. "Die Städte haben etwas Nacktes, Paris dagegen ist zugekleistert." Berlin, findet er, sei die interessantere Stadt. Merkwürdige Ecken gibt es ja hier genug. "Aber", sagt er und zischt verächtlich, "mit der Kamera um den Hals laufe ich bestimmt nicht rum." Kein Interesse.

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