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Eine knallharte Affäre

Peter Bucksch spielt im neuen Neukölln-Film sich selbst, einen Hauptschullehrer. Und er liebt seine Arbeit
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Er zieht die Luft ein und die Schultern hoch, verschränkt die Arme vor der Brust. Er ist sportlich. Muskulös und geschmeidig. Wachsam. Er könnte sofort losrennen. Er könnte auch zuschlagen. Und das würde sicher weh tun, denn er hat mal Streetfighting gelernt.

Er soll etwas verteidigen, was oft kritisiert, attackiert, vielleicht auch verleumdet wird. Er kneift die Augen zusammen. Dann atmet er aus und nimmt die Arme runter. „Es sind doch Jugendliche“, sagt er. „Das darf man nicht vergessen.“ Und Peter Bucksch ist ihr Lehrer.

Die Jugendlichen von Neukölln. Hauptschüler. Schläger. Banden. Gewaltvideos auf dem Handy. Wer zuschlägt, andere unterdrückt, der zählt. Man muss einen Namen haben. Den macht man sich. Jetzt hat der Regisseur Detlev Buck einen Kinofilm daraus gemacht. Der heißt: Knallhart. Peter Bucksch und ein paar seiner Schüler spielen darin mit. Er sagt: Der Film ist gut und echt, aber er ist ein Ausschnitt.

Bucksch kennt den Filmproduzenten Claus Boje seit vielen Jahren. Als Buck das Filmprojekt anfing, fragte Boje bei Bucksch nach, ob man an dessen Schule recherchieren dürfe. Klar, man durfte. Später fragten die Filmleute dann, ob die Schüler mitmachen wollten.

Die Kepler-Schule ist ein altes Gemäuer hinter dem S-Bahnhof Grenzallee. Hier kreuzen sich breite Straßen, ein Shoppingcenter ist ausgeschildert. 228 Schüler, jeder vierte ist Ausländer, etwa jeder zweite hat Erfahrung mit der Polizei. Die Zahl schätzt Bucksch, will aber lieber nicht darüber reden. Weil sie hohl ist. Viele Jugendliche wüssten gar nicht, dass sie Straftaten begehen. Er macht sie nach: „Hab’ ich Scheibe kaputt gemacht? Na und, bezahl’ ich.“ Dass das Sachbeschädigung ist und strafbar, wissen sie nicht. Oder sie halten ihm ein Handy hin mit einem Gewaltvideo, selbst gedreht. „Wollen Sie mal sehen?“ Nein, sage er denen. Pack’ das weg, ich zeige dich sonst an.

Peter Bucksch ist 47 Jahre alt und seit 17 Jahren an der Kepler-Oberschule. Es sei in diesen Jahren immer schlimmer geworden, sagt er. Die Unwissenheit, die Bildungsferne, die Gewaltbereitschaft. Dann aber läuft er über die Flure, um zu zeigen, was alles toll ist: Die Wände im zweiten Stock, auf die Schüler ein überwältigendes Urwaldbild gemalt haben, mit Tigern, Affen, Bäumen, Vögeln. Die Wände im ersten Stock, wo gerade ein Sonnensystem entsteht. Er erzählt von einer Cateringfirma, die Schüler aufgebaut haben, und einer Fotofirma. Projekte, die den Schülern Selbstwertgefühl geben. Die ihnen zeigen, dass auch sie etwas taugen. Bucksch will seine Jugendlichen aufbauen. Hauptanliegen: Werte vermitteln. Jeder Mensch muss respektiert werden. Jeder Mensch ist etwas wert. Jeder hat seinen Platz auf der Welt. Das Schwierige daran ist, dass die Jugendlichen das oft erst dann lernen, wenn es um den Wert und den Platz von anderen geht.

Im Film spielen Bucksch und seine Schüler sich selbst. Bei der ersten Probe hat er zu den Schülern gesagt: Nun setzt euch mal ordentlich hin und seid still. Aber das wollten die vom Film nicht. Die Schüler sollten sich in den Stühlen fläzen und frech sein. Es gab kaum Text, den sie lernen mussten, nur Stichwörter. Zu einem Schüler sagt Bucksch: Wenn du so weitermachst, „weißt ja, wirste abgeschoben“. In Wirklichkeit würde er so etwas niemals sagen, sagt er. Viel zu sensibel das Thema. Aber der Spruch sei an der Schule jetzt ein geflügeltes Wort.

Der Film war auch so ein Projekt, das den Schülern gut getan hat. Sie mussten in den Ferien aufstehen, quer durch die Stadt fahren, den Filmleuten gehorchen. Das haben sie geschafft. Und sie haben – das wiegt vor allem – etwas Neues kennen gelernt. Denn das ist auch so eine bedrückende Sache: die Beschränktheit der Jugendlichen. „Niemand hat denen jemals irgendwelche Möglichkeiten aufgezeigt“, sagt Bucksch. Als sie einmal mit der Klasse in Spandau eine Druckerei besucht haben, hat einer gefragt: Sind wir verreist?

Im Klassenraum von Buckschs achter Klasse stehen die Stühle auf den Tischen, der stumpfe Parkettboden ist gefegt. An der Wand kleben ovale Zettel, auf denen steht, was die Schüler sich vorgenommen haben: Pünktlich zur Schule kommen. Die Arbeitsmaterialien dabeihaben. Andere ausreden lassen. „Wir versuchen, die Schüler unterrichtsfähig zu machen“, sagt Bucksch. Das sei schwer und klappe nicht bei allen. „Aber irgendwo muss man doch anfangen“, sagt er.

Die Keplerschule kam vor drei Jahren zu fatalem Ruhm. Der Schulleiter hatte Fotografen die Waffen gezeigt, die er seinen Schülern abgenommen hat. Ein Desaster. Was Bucksch an so etwas ärgert: dass die Falschen ein Forum bekommen. Wenn er jemanden mit Messer auf dem Schulhof sehe, dann rede er auf den ein und hoffe, dass der sich merkt: Dieses Messer ist hier in der Schule nichts wert.

Aber zu was ruft man Jugendliche auf, die über die Schiene Schule, Ausbildung oder Studium, Beruf in dieser Gesellschaft nichts erreichen werden? „Die müssen andere Wege gehen“, sagt Bucksch. Er erzählt von einem, der so hartnäckig immer wieder bei einer Computerfirma vorstellig wurde, bis die ihn tatsächlich nahm. Er strahlt, er glüht, wenn er über sie spricht, seine Schüler, und er spricht gerne über sie. Er mag sie. So falsch können sie nicht sein.

„Knallhart“ ist ab heute in den Kinos
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