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Aufgehoben aus Ruinen

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Von Helmut Caspar, Reinhart Bünger und Vivien Leue

Etliche Kinder haben schon neben und mit ihm gespielt und das eine oder andere Mal hat sein steinerner Federkörper sicher auch als Unterlage einer großen Sandburg dienen müssen. Die Rede ist vom Steinadler – dem Steinadler, von dem man in Prenzlauer Berg erzählt, er stamme vom Berliner Schloss. Ganze Busladungen an Touristen sind jährlich zum Hirschhof in der Kastanienallee gepilgert, um den sagenumwobenen Adler mit eigenen Augen zu sehen. Durch drei heruntergekommene Hinterhöfe mussten sie sich kämpfen, bis sie endlich – am Ziel angekommen – die Kamera auspacken konnten. Die Touristen werden enttäuscht sein, dass der Steinadler im Hirschhof nicht der Hohenzollernresidenz zuzuordnen ist: Seine Maße stimmen nicht mit denen der Adler des Berliner Schlosses überein. Dies ergaben Vermessungen und der Vergleich mit den authentischen Adlern aus dem frühen 18. Jahrhundert. Wo aber sind auf dem Berliner Stadtgebiet und im Umland Überreste des Berliner Schlosses zu finden, die vor allem als Vorlagen für einen Wiederaufbau verwendet werden könnten?

Über die einzelnen Schritte für Sprengung und Abtransport des Schutts im Winter 1950/51 gibt es Protokolle, aus denen hervorgeht, dass „Stucksachen“ sowie kunsthistorische Bildhauer- und Steinmetzarbeiten, aber auch Fußböden, Paneele, Schränke, Türen und andere Einrichtungsgegenstände ausgebaut wurden. Denn nach der Ankündigung des SED-Chefs Walter Ulbricht im Sommer 1950, den verhassten Hohenzollernsitz abreißen zu lassen, hatte es es deutschlandweit Proteste gehagelt. „Jetzt schreien alle, und wenn das Schloss weg ist, dann kräht kein Hahn mehr danach“, sagte DDR-Regierungschef Otto Grotewohl nach einer Besichtigung im Herbst 1950. Gleichwohl reagierte das Ost-Berliner Ministerium für Aufbau – ausgerechnet Aufbau – und der Magistrat mit Vorkehrungen zum Ausbau wertvoller Fassadenteile und Figuren auf die Proteste. Das Ministerium setzte ein aus 29 Mitarbeitern bestehendes „Aktiv“ ein, das sich aus Architekten, Kunsthistorikern und einem Fototrupp zusammensetzte. Es stand unter Leitung des „Beauftragten Denkmalschützers am Schloss Berlin“, Gerhard Strauß, der die traurige Rolle des Erfüllungsgehilfen spielte. Er verteidigte den Abriss der Ruine („bis auf Ausnahmen ausgeglühter Schutt“). Vierzehnhundert Maßskizzen gestatten die Rekonstruktion des gesamten Schlossbildes; daneben wurden etwa 3000 Dokumentationsfotos hergestellt. Das Bergungsregister indessen fiel vergleichsweise dünn aus: Es umfasst 14 schmale Schnellhefter, das Einzelposten wie „Löwenkopf“, „Teil mit Akanthusblatt“ oder eine „Gebälkplatte mit Konsole“ verzeichnet. Strauß berichtete rückblickend, dass ein Teil der geborgenen Güter nach Sanssouci gebracht oder an die Berliner Museen gegeben wurde.

Während Anfang September 1950 die ersten Sprenglöcher entstanden, wurde mit Hilfe von 47 Steinmetzen Figuren vom Schlüterhof, Reliefs über Fenstern und Türen, Portaleinfassungen und Balkone sowie Stuckreliefs in Prunkräumen und Treppenhäusern demontiert und in verschiedenen Museen eingelagert. Im Mittelpunkt der Bergungsarbeiten stand der Ausbau der noch rettbaren Teile des Schlüterhofes. Das Portal IV - das so genannte Liebknechtportal - wurde vollständig ausgebaut, obwohl man 1950 noch nicht wissen konnte, dass die Portalfiguren ab 1964 den Eingang des Staatsratsgebäudes schmücken würden. Karl Liebknecht hatte am 9. November 1918 von dem Balkon aus die „freie, sozialistische Republik“ ausgerufen. Ein Teil der figürlich bearbeiteten bearbeiteten Sandsteine des Portals IV wurden in den Gutspark nach Mahlsdorf gebracht. Hier verliert sich ihre Spur: 1986 wurde der Park umgestaltet.

Auch das Portal V wurde geborgen, aber hier ging es nicht ohne Schäden ab, denn die Mauern wiesen an sich schon bauliche Schwächen auf. Die unvorstellbare Hitze des Schlossbrandes hatte die Steine zum Teil in blätterartige Gebilde verwandelt. Doch nur ein kleiner Teil dessen, was eigentlich hätte sichergestellt werden sollen, wurde tatsächlich gerettet: Man stand unter Zeitdruck. Das Zentrum Berlins, so wollte es Walter Ulbricht, sollte schnell „zu dem großen Demonstrationsplatz werden, auf dem der Kampfwille und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck finden können.“

Alte Fotos zeigen zunächst das Gegenteil: Der erste Sprengschuss am 6. September 1950 legte den Apothekenflügel in Trümmer. Wertvolle Figuren, aber auch Säulen, Gesimse und Einfassungen von Fenstern wurden zerstört. Den „repräsentativen Abschluss“ bildete - so die AG Berliner Stadtschloss - die Sprengung des Eosander Portals mit der Schlosskapelle am 30. Dezember 1950 um 15 Uhr. Rund 150000 Kubikmeter Trümmer blieben übrig. Der erste Schuttplatz lag - nahe liegenderweise - eine Etage tiefer: Der einstige Keller des Schlosses. Am 31. März 1951 wurde das Abräumen der Trümmer beendet. Mit Lastern und mit der Bahn war der Schutt auf Deponien im Ostteil Berlins und in die nähere Umgebung gebracht worden. Wichtigster Schuttplatz war der Volkspark Friedrichshain, in dem sich der Trümmerberg „Mont Klamott“ auftürmte. Demnächst sollen hier Suchgrabungen stattfinden. Die Archäologen werden die Erde nicht umwühlen, sondern Schnitte anlegen, um herauszufinden, was eigentlich abgekippt wurde. Denn die Transportlisten geben über solche auch im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der Schlossfassade wichtige Fragen keine Auskunft. Was im Friedrichshain bisher gefunden wurde, ist nach Meinung des mit der Fassadenrekonstruktion befassten Berliner Architekten York Stuhlemmer recht viel versprechend. Um nicht Amateurarchäologen und „Schatzucher“ zu animieren, selber mit dem Spaten loszuziehen, hält sich Stuhlemmer mit genauen Ortsangaben zurück.

Ähnlich ist die Situation auf anderen Deponien im Berliner Stadtforst südlich vom Müggelsee, in Schmöckwitz, Schwanebeck, in der aufgelassenen Kiesgrube am Seddinsee und in Heinersdorf. Ein Protokoll von 1957 über die Heinersdorfer Deponie lässt erkennen, dass sich die dort lagernden 1500 Sandsteinteile und Gipsreliefs in einem ungepflegten Zustand befinden, von Gras überwuchert und zum Teil schon im Erdreich versunken. Aus solchen Bemerkungen lässt sich ersehen, dass das Schloss nach seiner Sprengungen sozusagen ein zweites Mal zerstört wurde, weil seine Reste nicht ordentlich eingehaust wurden. Ein wichtiger Lagerplatz befindet sich in Ahrensfelde, wo Teile eines der prächtigen Schlossportale sowie Fensterumrahmungen, Säulen und andere Fragmente aufbewahrt werden. Auch im Depot des Landesdenkmalamtes auf dem ehemaligen Stasi-Gelände an der B 1 nahe dem Tierpark Friedrichsfelde werden Schlossrelikte verwahrt.

Berliner Museen zeigen künstlerisch wertvolle Relikte wie Wand- und Deckenstuck sowie barocke Sandsteinfiguren von der Außenfassade. So können Arbeiten von Schlüters Hand und von anderen Meistern, aber auch von Bildhauern wie Schadow wieder zurückgeführt werden.

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