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Friedhof Grunewald: Früher mussten Selbstmörder vor der Stadt vergraben werden. Heute liegt dort Nico von Velvet-Underground

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Laut ist es eigentlich nie. Nur manchmal etwas unruhig. Besonders um Grab 82 herum. Ganz hinten, in der vorletzten Reihe. Und vor allem am 16. Oktober und am 18. Juli. Dann hört man von dort hinten Geräusche, die so gar nicht auf den Waldfriedhof im Grunewald zu passen scheinen.

Getroffen hat Carl-Peter Steinmann jedoch noch nie jemanden. Dabei ist der Friedhofsforscher relativ oft hier. Immerhin ist der Waldfriedhof sein Lieblingsfriedhof. Aber was er regelmäßig findet, sind ihre Überreste. Kleine, in Plastik eingewickelte Briefchen, Weinflaschen und Blumensträuße. Das letzte Mal stand sogar ein Weihnachtsbaum auf dem Grab. So ein kleiner, den man vorne ins Auto klebt. Aus Plastik, mit Batteriebetrieb. Und der leuchtete sogar noch. Er stand vor einem kleinen Altar aus Knetgummi. Und in den Altar war ein Bild von Christa Päffgen gedrückt. Margarete Päffgen, 1910 - 1970, Christa Päffgen, 1938 - 1988 steht auf dem Grabstein.

Erotisch und todesnah, das war Christa Päffgen ihr ganzes Leben. Vogue-Model, Warhol-Star. Velvet-Underground-Sängerin, Heroin-Junkie. Als sie 1988 auf Ibiza vom Fahrrad stürzte und dabei tödlich verunglückte, kannte die Welt sie als Nico. Ikone und Mythos der 60er Jahre. 50 Jahre hat sie dafür ruhelos gelebt. Lübbenau, Berlin, Paris, New York, Manchester, Ibiza. Und obwohl es letztendlich ein Unfall war, durch den sie ums Leben kam, liegt Nico neben ihrer Mutter auf Berlins ehemaligem Selbstmörderfriedhof begraben.

Die meisten Gräber sind hinter schweren Tannen versteckt. Keine Grabbepflanzung, keine aufwendigen Grabsteine. Auf vielen Gräbern stecken Plastik-Fähnchen: "Nutzungsdauer abgelaufen. Bitte bei der Friedhofsverwaltung melden". Niemand scheint sich hier um die Erhaltung der Gräber zu kümmern. Auffällig sind jedoch die fünf großen russisch-orthodoxen Andreaskreuze am Eingang. "Zwischen 1917 und 1919 nahmen sich fünf Russen, die vor der Oktoberrevolution geflohen waren, in der Havel das Leben." Steinmann geht um die schweren Holzkreuze herum. "Sie sollen tot-traurig über den Tod ihres Zaren gewesen sein." Und da die Havel in der sogenannten Bucht von Schildhorn eine Knick macht, wurden die fünf Russen dort an Land gespült. Aber wohin nun mit den Leichen? Denn der Freitod war für die Kirche eine Sünde, und so verweigerte sie Selbstmördern die Beerdigung auf ihren Friedhöfen. Und da es außer kirchlichen bis 1919 keine Friedhöfe gab, mussten die Unglücklichen heimlich im Wald verbuddelt werden.

Am sichersten für die Hinterbliebenen war es, die Wasserleichen in den Wald zu tragen. Näher an der Havel wäre es zu gefährlich gewesen, denn auf wilde Bestattungen standen hohe Strafen. Also trugen die Freunde die Leichen der Russen bis zur nächsten Waldlichtung und begruben die Toten dort. Neben den vielen anderen, die an der selben Stelle der Havel angeschwemmt worden waren. Denn egal wo man sich in die Havel stürzte, eine unterirdische Strömung war verantwortlich dafür, dass alle Selbstmörder in der Bucht von Schildhorn landeten.

Erst 1920, als die umliegenden Gemeinden mit Berlin zu Groß-Berlin zusammengelegt worden waren und jeder Bezirk einen eigenen, nicht-kirchlichen Friedhof betreiben musste, ließ der Magistrat den "Schandacker" mit einer Mauer umgeben und zum Friedhof erklären. Jetzt konnten neben den Selbstmördern auch andere Tote begraben werden. Die Nachfrage blieb allerdings gering. Die Haveltoten blieben zuerst einmal die größte Kundschaft.

Am 28. Oktober 1919 wurde die 25-jährige Krankenschwester Minna Braun leblos neben der Havelchaussee gefunden. Selbstmord durch Schlafmittel, stellte der Arzt fest. Minna Braun wurde zum nahen Selbstmörderfriedhof gebracht und dort in der Leichenhalle eingesargt. Als ein Kripo-Beamter die Leiche am nächsten Tag untersuchte, konnte er seinen Augen kaum trauen. Da bewegte sich doch glatt der Kehlkopf des Mädchens. Minna wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Nach 24 Stunden erwachte die Scheintote aus ihrem Starrkrampf. Sie hatte sich aus Liebeskummer vergiften wollen, aber nicht genügend Schlafmittel gehabt. Der Fall beunruhigte die Berliner enorm. Plötzlich hatten alle Angst, lebendig begraben zu werden. Damals kamen Särge mit Glasfenstern in Mode, damit keine Regung der Leiche übersehen werden konnte. Minna Braun war da allerdings nicht so pingelig. Drei Jahre später dosierte sie das Schlafmittel großzügiger und fand im Grunewald ihre letzte Ruhe.

Nico habe sich schon mit 18 Jahren als Todesstätte für sich und ihre Mutter Margarete diesen Friedhof der unglücklichen Melancholiker ausgesucht, erzählt Steinmann. Mitten im Grunewald. Abgelegen und leise. Weit weg von den anderen Ikonen ihrer Zeit. Und trotzedem finden immer wieder Nico-Fans den engen, holprigen Waldweg in die Abgelegenheit. "Es sind zwar nicht so viele wie an Jim Morrisons Grab auf dem Père Lachaise in Paris, aber manchmal bleiben sie sogar über Nacht", erzählt Steinmann. "Dann stehen hier am nächsten Tag die ausgebrannten Teelichter, und überall liegen diese Zettelchen."

Einen hat er sogar mal aufgemacht. Darin bat eine Belgierin den Finder, wenn er noch Informationen über Nico habe, sie ihr doch bitte zuzuschicken. Hat Steinmann gemacht: "Als Nicos Urne 1988 neben der ihrer Mutter versenkt wurde, spielte ihr Sohn eines ihrer Lieder: Liebes kleines Mütterlein, nun darf ich endlich bei dir sein, die Sehnsucht und die Einsamkeit, erlösen sich in Seeligkeit."

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