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Operation Charité

Er begann als Landwirt – nun soll Europas größte Uniklinik unter ihm neue Früchte tragen: Detlev Ganten
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Wenn Detlev Ganten die Augen schließt, sieht er Städte. Große Städte, strahlende Städte, global cities. Er sieht Babylon, Alexandria, Athen, das alte Athen, versteht sich, aber auch das moderne Tokio, New York, Shanghai...

Dann öffnet er die Augen und sieht – Berlin. Er erwacht, morgens um sechs, blickt aus seiner Wohnung in Mitte auf die Stadt, und sieht Schulden, 60 Milliarden Euro. Er sieht die Politiker und ihr – zu häufig – vergebliches Bemühen, Prioritäten zu setzen. Er hat ihre Reden über die „Gesundheitsstadt Berlin“ im Ohr und sieht die 98 Millionen, die er einsparen muss und die fünf Jahre, die ihm noch bleiben bis zum großen Jahr 2010. Das alles sieht er und noch viele andere Hindernisse, die sich immer wieder zwischen ihn und seine Vision stellen, die allgemeine Innovationsfeindlichkeit im Lande zum Beispiel.

Und doch, durch diesen dichten Nebel an Negativem sieht er auch eine Chance, und die heißt: Charité.

Seit gut einem Jahr ist Detlev Ganten, 64, der einst als 15-Jähriger mit einer Landwirtschaftslehre auf dem Hof eines Onkels in Driftsethe bei Bremen seine Karriere begann, Chef des größten Uniklinikums Europas, der Charité.

Die Charité. Nach der Deutschen Bahn Berlins zweitgrößter Arbeitgeber, 15000 Mitarbeiter, Jahresetat: über eine Milliarde Euro. 125000 stationäre Patienten, vier Standorte, 128 Kliniken und Institute, die über die gesamte Stadt verteilt sind – ein Gesundheitsgigant.

Der selber, gelinde gesagt, unter das ein oder andere Wehwehchen leidet: 2003 wurde die zersplitterte Hochschulmedizin der Hauptstadt unter dem Namen Charité zusammengefasst. Was früher konkurrierte, Ost und West, sollte plötzlich kooperieren. Bis heute knabbern die Mitarbeiter an dieser Fusion - sie zu verdauen, darin besteht ihre erste Prüfung.

Die zweite: der drastische Sparkurs. Das Uniklinikum gehört der Stadt Berlin, und der Senat hat, den finanziellen Ruin Berlins vor Augen, tiefe Schnitte gefordert. Er will den Landeszuschuss für Forschung und Lehre bis 2010 um 98 Millionen jährlich senken.

Der größte Teil dieses Brockens fällt, wie so oft, auf die Mitarbeiter zurück. Und so musste Ganten seinen jungen Ärzten erst vor wenigen Monaten verkünden, dass es bis auf weiteres kein Urlaubs- und kein Weihnachtsgeld mehr gibt. Diese konterten prompt: mit einer Anzeigenkampagne im „Ärzteblatt“ gegen die Maßnahmen ihres neuen Chefs.

Vergangene Woche schließlich kam es noch schlimmer. Ganten setzte sich hinter seinen Schreibtisch in der Schumannstraße 20, Standort Mitte, schrieb seinen Mitarbeitern einen sechsseitigen Brief und trat vor die Presse: Es könnte auch zu Kündigungen kommen, und zwar bald. 1500 Stellen stehen zur Disposition, falls es nicht doch noch zu einer Einigung mit den Gewerkschaften kommt.

Tage wie diese, wenn er in den Augen so mancher Mitarbeiter und in den Schlagzeilen als „einer dieser Heuschrecken“ dasteht, das sind solche Tage, da braucht er, wie er sagt, sein „Gerüst“. Jenes Gerüst, das er sich damals im Kopf aufgebaut hat, Ende der 60er Jahre, als er als junger Mann, 29, im Gehirn ein Hormon namens Angiotensin entdeckte, das den Blutdruck regelt – ein spektakulärer Befund.

Damals glaubte außer Ganten so gut wie jeder, die Substanz würde nur in der Niere gebildet. Ganten, der Chirurg werden und eigentlich gar nicht in die Forschung gehen wollte, stand mit seiner Entdeckung allein da. „In solchen Situationen brauchen Sie ein Gedankengerüst, um sich eine Rechtfertigung zu schaffen für das, was Sie tun.“ Karl Popper, der Philosoph, den er später noch persönlich treffen sollte, bot ihm dieses Gerüst: Auch ein Scheitern, lernte Ganten von Popper, kann wertvoll sein. Ja, ein großes Scheitern kann die Wissenschaft mitunter mehr voranbringen als ein kleines Rechthaben.

Doch Ganten scheiterte nicht, er behielt Recht, damals. Und heute? Heute, als Chefarzt der Operation Charité, weiß er, dass die Gefahr eines Scheiterns noch größer ist, er braucht sein Gerüst mehr denn je. Denn der Blutdruckforscher will das Uniklinikum nicht bloß „sanieren“. Er hat eine Vision: Er will die Charité zu der Größe wiederaufbauen, die sie einst ausstrahlte, die Berlin selbst einst besaß, in den Jahren zwischen 1890 und 1933, als Max Planck und Albert Einstein hier wohnten und wirkten. Berlin soll wieder leuchten. Spätestens 2010, wenn die Charité ihren 300. Geburtstag feiert.

1710 eröffnete man vor den Toren Berlins ein Pesthaus, doch die Stadt blieb von der Pest verschont, und aus dem Haus wurde ein Hospiz für Alte, Bettler, unehelich Schwangere und Prostituierte – die Charité.

Nach und nach kamen Forschung und Lehre hinzu, der Name Charité blühte auf und zog Wissenschaftler ersten Ranges an, wie, im 19. Jahrhundert, den Vater der Infektionsbiologie, Robert Koch, dessen Gemälde Gantens Büro in Mitte schmückt. Oder wie Rudolf Virchow, der große Pathologe, der den Standort in Wedding seinen Namen verleiht.

Die Charité, das ist mehr als bloß ein berühmtes Krankenhaus, sagt Ganten, „sie ist ein Innovationsmotor der Stadt“. Beispiel: Ein Drittel aller Patente Berlins kommen aus der Charité.

Und Ganten will den Motor auf Touren bringen. Allen voran das Bettenhochhaus. Dem Turm der Charité in Mitte, mit seinen 20 Etagen unübersehbar, soll neues Leben eingehaucht werden. 2010, pünktlich zur Feier, soll sich das ergraute Ost-Baumonstrum in einen hochmodernen „Life Science Tower“, einen Leuchtturm der Lebenswissenschaften, verwandelt haben, inklusive neuer Fassade, die tagsüber in der Sonne glänzt und abends von Scheinwerfern angestrahlt wird, „und wenn der Kanzler aufwacht, wird er ihn sehen können, ebenso wie die Abgeordneten im Reichstag und die Touristen, die in den Bussen vorbeifahren“.

Im Moment dämmern in dem Gebäude noch ganze Etagen leer vor sich hin. „Die werden sich bald füllen“, sagt Ganten, beispielsweise mit dem Therapiezentrum oder dem neuen Zentrum für bildgebende Verfahren („Imaging“), mit Kernspintomographen und anderen Scannern, die präzise Blicke in den Körper möglich machen. Der Plan: Im Rahmen der Reorganisation werden die derzeit 128 Kliniken und Institute in 17 Charité-Zentren überführt – mit eigenem Budget und in weitgehend eigener Regie, aber unter dem Dach der Charité.

„Und ganz oben“, sagt Ganten, „in den 20. Stock des Turms, kommt ein Club, eine Bar, für alle, für die Menschen aus der Stadt, mit Veranstaltungen, Vorlesungen, vielleicht wie in Princeton, wo man hineingeht in einen Club, und da sitzen 20 Nobelpreisträger.“ Berlin, Stadt des Wissens.

Fehlen, abgesehen von der umfassenden Renovierung und der Bar und dem Restaurant, vom Club selbst also, nur noch die Nobelpreisträger. „Stimmt“, meint Ganten, der das „st“ stets nach hanseatischem Habitus ausspricht und bei dem man nie genau weiß, wann sein preußischer Ernst in Ironie übergeht, „jedes Jahr einen, dann haben wir 2010 sechs beisammen.“ Lächelt er jetzt?
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