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Verraten und verkauft Prozess gegen Ex-Agenten

Norbert Juretzko hat rund 15 Jahre für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet Sein Buch kam auf die Bestsellerliste, doch der BND erstattete Anzeige
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Da hängen sie, als wäre sich die Realität mal wieder für kein Klischee zu schade, am Kleiderhaken im Gerichtssaal: ein schwarzer Schlapphut und daneben der Trenchcoat. Während die Zuschauer hinten über den Anblick noch leise kichern, spricht der Staatsanwalt vorne bereits über Nachrichtendienste, Spionage, Geheimnisse – und Verrat. Den Verrat an „Münchhausen“, „Eulenspiegel“ und „Rübezahl“, wie es in der Anklageschrift heißt. „Durch die Nennung der dienstinternen Kennzeichnung erhöhte sich das Risiko einer Enttarnung“, sagt der Staatsanwalt. So geht es weiter, elf Seiten lang.

Norbert Juretzko, der Angeklagte, schaut auf seine gefalteten Hände und entzieht sich den Klischees: 52 Jahre alt, einst Fallschirmspringer, dann Elitekämpfer bei der Bundeswehr, später Top-Agent. Der Mann ist kein Hüne, er trägt graues Haar, ein braunes Jackett, bequeme Schuhe und steht eine halbe Stunde zu früh vor dem Saal. „Aufgeregt?“, fragt sein Verteidiger. „Nein, nein“, versichert Juretzko. Ein leichtes Zittern in der Stimme straft ihn Lügen.

Juretzko, noch bis vor kurzem der Vorsteher im SPD-Stadtverband von Celle und nach eigener Auskunft ein politischer Freund von Ex-Bundesverteidigungsminister Peter Struck, hat ein Buch geschrieben. Es ist Juretzkos „Abrechnung“ mit seinem ehemaligen Arbeitgeber, dem Bundesnachrichtendienst (BND). Der Autor sagt, er habe das Buch aus Pflichtgefühl geschrieben, um Missstände beim BND aufzudecken und damit auch zu beseitigen. Seit fast zwei Jahren ist „Bedingt dienstbereit“ auf dem Markt, es stand auf der Bestseller-Liste, ist bereits in mehreren Auflagen erschienen und in jeder Buchhandlung zu haben. „Inzwischen ist es auch als Taschenbuch erhältlich“, sagt Juretzko.

Wenn man also kaum behaupten kann, dass „Bedingt dienstbereit“ auch nur noch ein Geheimnis birgt, steht Juretzko jetzt wegen Verrats derselben vor Gericht. Der Zeitpunkt des Prozesses könnte kaum passender gelegt sein – aus Juretzkos Sicht. „Mitte Mai erscheint mein zweites Buch“, verkündet der Angeklagte auf dem Gerichtsflur. „Im Visier“ sei gewissermaßen eine Fortsetzung, es liefere neue Beweise „über den Zustand der Behörde“ und solle als Warnung für alle BND-Mitarbeiter dienen, die sich auf ihre Vorgesetzten verlassen.

Der Berliner Justiz geht es aber jetzt erst einmal um den Erstling „Bedingt dienstbereit“. Der Staatsanwalt wirft Juretzko vor, darin Dienstinterna ausgeplaudert und so wichtige öffentliche Interessen vorsätzlich gefährdet zu haben. Zum Beweis liest der Staatsanwalt seitenweise aus dem Buch vor, der Ankläger zitiert mit monotoner Stimme Passagen, in denen Juretzko geheime Treffpunkte offenbart, Namen von Kollegen und Kontakte. „Er redete leise und notierte sich das eine oder andere“, heißt es da beispielsweise. „Der Mann strahlte Vertrauen aus. Seine stahlblauen Augen wirkten verbindlich, leuchteten hin und wieder aber auch verschmitzt.“

In dem Buch beschreiben Juretzko und sein Ko-Autor Wilhelm Dietl BND-Aktionen aus den achtziger und neunziger Jahren. Unruhe löste das Buch in Geheimdienstkreisen aber vor allem deshalb aus, weil es sich auch einem bis heute nicht restlos aufgeklärten Spionageskandal innerhalb des BND widmet. Bei der so genannten Rübezahl-Affäre geriet der ehemalige Abteilungsleiter des BND Volker Foertsch in den Verdacht, ein russischer Doppelagent zu sein. Foertsch wurde rehabilitiert, Juretzko verurteilt. 2003 bekam der Ex-Spion elf Monate auf Bewährung, weil er in seiner BND-Zeit auch Agentengelder erschlichen haben soll. Der Prozess fand im Landgericht München hinter verschlossenen Türen statt, bis heute darf Juretzko nicht über die Verhandlung reden.

Seine Memoiren aus 15 Jahren Spionage beim BND hält er dagegen für komplett unanstößig, kurz ein „juristisch ordentlich geprüftes und einwandfreies Werk“. Auf den rund 400 Seiten stehe kein einziger Hinweis, der „für andere Geheimdienste neu oder weiter verfolgenswert“ sein könnte. Auch die Gerüchte um Foertsch seien damals längst auf dem Markt gewesen. „Unverständlich“ findet Juretzko bis heute, dass ihn der BND angezeigt hat. Als er Ende 1999 nach rund 15 Dienstjahren ausgeschieden ist, habe man für seine allseits bekannten Autoren-Pläne schließlich nur eine ironische Frage übrig gehabt: „Kannst du überhaupt schreiben?“

Zumindest diese Frage werden auch die Berliner Richter nicht beantworten müssen, selbst wenn sich der Prozess um den Geheimnisverrat noch über Wochen hinziehen dürfte. Den ersten Tag bricht der Vorsitzende dann nach rund einer Stunde ab. Weil der Richter nicht glaubt, dass die vom Staatsanwalt verlesenen Auszüge für eine ordentliche Verhandlung genügen, lässt er Kopien von „Bedingt dienstbereit“ im Saal verteilen und verkündet: „Das Selbstleseverfahren wird angeordnet!“ Jetzt huscht ein Lächeln über Juretzkos Gesicht.

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