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Eine Woche raus aus dem Mief

Als Ost-Berlin den Globus grüßte: Mit den X. Weltjugendfestspielen, die heute vor 30 Jahren begannen, schien ein Ruck durch die DDR zu gehen
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Heute vor 30 Jahren hatte sich Ost-Berlin gewaltig herausgeputzt. Die Hauptstadt der DDR, farbenfroh wie nie zuvor, war acht Tage und Nächte durchgehend geöffnet. Dieses Singen und Feiern, Reden und Zuhören, Flirten und Adressentauschen hatte einen etwas sperrigen Namen: „X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft“. Weltjugendfestspiele hatten vorher in Moskau, Wien, Helsinki und Sofia stattgefunden, nun marschierten am 28. Juli 1973 unter sengender Augustsonne Tausende ins „Stadion der Weltjugend“ an der Chausseestraße: Aus 140 Ländern kamen 25 600 Jugendliche von 1700 nationalen und 18 internationalen Jugendvereinigungen. Der Einmarsch in das 1992 abgerissene einstige „Walter-Ulbricht-Stadion“ (Volksmund: Zickenwiese) ähnelte einer Eröffnung der Olympischer Spiele. „Sie kamen singend und tanzend, hatten die schönsten Gewänder ihrer Heimat mitgebracht, strahlten Heiterkeit und Würde aus“, hieß es in einem Zeitungsbericht über diese „bunte Schau jugendlicher Begeisterung, diese Mischung aus Temperament, Lebensfreude, Selbstbewußtsein und Kampfentschlossenheit.“ Auf der Tribüne saß Erich Honecker neben Yassir Arafat und Angela Davis neben der ersten Frau im Weltall, Valentina Tereschkowa. „Der Marsch der Delegationen aus aller Welt ins Stadion durch die Friedrichstraße war so bunt wie die Love Parade: Friede, Freude, Eierkuchen“, erinnert sich Klaus Landowsky, der damals mit Jugendfreund Eberhard Diepgen im gelben T-Shirt mit dem blauen JU-Zeichen der Jungen Union gekommen war und den kommunistischen Gastgebern schon mal kräftig Opposition demonstrierte: „Wir haben uns beim Vorbeimarsch an der Ehrentribüne Honecker und Arafat ab- und dem Rest der Welt zugewandt.“

Das Festival blies einen kräftigen Strom vom Duft der weiten Welt in die Stadt. Die DDR demonstrierte ihre Weltoffenheit: Nie zuvor (und danach) wurden so freimütig politische Meinungen ausgetauscht, gab es soviel Gelegenheit, Menschen aus anderen Ländern kennen zu lernen. Die Stadt sang und klang: Das DDR-Nationalprogramm reichte vom Volkstanz über Jazz bis zu den Thomanern, mit dabei waren schon damals das Gesangsduo Hauff/Henkler, die Jazz-Sängerin Uschi Brüning, Frank Schöbel und Manfred Krug, und Eberhard Büchner von der Staatsoper besang den „Odem der Liebe“ aus Cosi fan tutte.

Das Festival tat richtig gut. Es war, als habe jemand ein Tor geöffnet, den Mief der Kleinkariertheit raus- und neue Gedanken und Ideen hineingelassen. Dabei hatte man natürlich hinter den Kulissen alles gut vorbereitet, von der Losung „Wenn der Springer noch so hetzt, unser Festival, das fetzt“ bis zu den Langohren, die Tag und Nacht im Einsatz waren und heftig mitdiskutierten, zum Beispiel auf dem Alexanderplatz, der zum Hyde-Park geworden war: „Die FDJ kam in Gruppen und versuchte, uns zu isolieren, indem sie einen Kreis um uns bildete“, erinnert sich Jung-Unioner Landowsky, „zwei diskutierten, 60 hörten zu. Wenn wir über Menschenrechte sprachen, kamen die mit Vietnam. Wir waren stark patriotisch und einheitsorientiert.“

Die lässige Art der freien Rede, die ungehemmte, zwanglose Diskussion, die Berichte von fernen, geheimnisvollen Welten (in die der junge DDR-Mensch erst reisen durfte, wenn er 65 war) – all dies war so neu und blieb lange in den Köpfen, als das Festival am 5. August mit einem Feuerwerk über dem Marx-Engels-Platz sein Ende fand.

Die offizielle DDR, 1973 auf einer Woge internationaler Anerkennung, hatte mehr Angst als Vaterlandsliebe, den freien Geist der Weltfestspiele zu praktizieren. „Diese Umarmung der Völker auf offener Straße, in Trance“, wie sie Volker Braun bedichtete, wurde nurmehr zur Episode. Fortan waren wieder Parteilichkeit und Klassenkampf gefragt. Ein Student, in dessen Parka sich beim Filzen an der Grenze zur CSSR ein CDU-Flugblatt vom Alex fand, wurde einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen und vermahnt, dass man „so etwas“ nicht besitzen dürfe. Ein Kommilitone wurde zur Parteileitung seiner Sektion zitiert, wo man ihm empört einen geöffneten (!) Brief überreichte – darin bedankte sich ein Gast aus Detroit für die schönen Tage in Berlin. Plötzlich war Schluss mit lustig. Doch die Weltoffenheit und Solidarität hatte bleibende Folgen bei denen, die das allzu wörtlich nahmen : „Festival-Ehen“ und „Festival-Kinder“. Mehr als nur eine schöne Erinnerung.
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