Berlin : Artenschutz: Die Tasche aus Pythonleder und der Giftfrosch vom Amazonas

Thomas Loy

Marcus Zisenis wirkt unscheinbar, spricht leise und übt gegenüber Mitmenschen eine höfliche Zurückhaltung. Er interessiert sich von Berufs wegen für Pflanzen und Tiere, tote wie lebendige, auf jeden Fall exotische. Vermutlich ist er Biologe, womöglich Zoologe mit einem Hang zur Lennéschen Systematik. Doch das alles wissen wir nicht. Herr Zisenis als Mensch und Gelehrter wird uns verschlossen bleiben. Auch ein Foto ist aus ermittlungstaktischen Gründen unerwünscht. Nur soviel: Herr Zisenis hat das 32. Lebensjahr erreicht, trägt eine blaue Stoffjacke, darüber einen dunklen Rucksack, trinkt gerne Espressi mit Leitungswasser gratis dazu, weil alles andere horrend teuer ist. Niemand würde den unauffälligen Herrn Zisenis dafür halten, was er gelegentlich ist: ein Beauftragter zur Durchsetzung des Washingtoner Artenschutzabkommens (Cites) im Bezirk Mitte.

Selbst Elfenbein ist wieder in

Fast 30 Jahre gibt es dieses Abkommen, aber in den Köpfen der Menschen ist es immer noch nicht angekommen. Schlimmer noch: Pelze aus Leopard, Handtaschen aus Schlange oder Krokodil sind wieder en vogue. Dafür muss sich keine Frau mehr auf der Straße schämen wie in den glamourfeindlichen 80er Jahren. Tote Reptilien aus der südlichen Hemisphäre, drapiert auf Gürteln und Schuhen, sind heiß begehrt. Sogar Elfenbein macht wieder die Runde. Andere Zeitgenossen erfreuen sich an lebenden Raritäten. Allein in Mitte werden 76 Papageien, 60 Pfeilgiftfrösche, 68 Schildkröten, zehn Riesenschlangen, neun Geckos und sieben Chamäleons gehalten - legal.

Im Schatten des Gesetzes ist jedoch weitaus mehr verborgen. Das lassen die regelmäßigen Kontrollgänge von Zisenis vermuten. Er muss fleißig beschlagnahmen, weil kaum jemand die ausführlichen Artenschutzregelungen der EU kennt oder kennen will. Händlern ist das Paragraphengestrüpp nur lästig. Wenn Zisenis aufkreuzt, prallt die Welt der Verwaltung unmittelbar auf die Welt der Geschäfte. Ein kleines Beben wird ausgelöst, viel Staub aufgewirbelt, Leerlauf und Frust entstehen - um Artenschutz geht es dabei nur noch am Rande.

Es ist 10 Uhr morgens irgendwo in Mitte. Marcus Zisenis betritt ein Geschäft mit Handtaschen und Accessoires aus Krokodilleder und Schlangenhaut sowie diversen Gold- und Edelstein-Kleinodien. Einige tausend Mark kann man für einige Objekte ausgeben, aber auch gerne einige zehntausend. Zisenis zeigt seinen gelben Amtsausweis und schon schlagen die Seismometer an. Das Vorbeben ist stärker als erwartet. Man habe noch nicht einmal geöffnet. Außerdem werde der Wirtschaftsprüfer gegen Mittag erwartet. "Das ist jetzt ungünstig. Vielleicht kommen Sie morgen wieder, gegen elf?" Zisenis bleibt hart. Die ganze Palette möchte er sehen: EU-Importbescheinigungen, Cites-Zertifikate, Ausgangsbuch mit genauen Daten, Adressen der Kunden et cetera. Hektisches Telefonieren setzt ein. Nach zehn Minuten kommt eine Dame von der PR-Abteilung. "Alles in Ordnung, nur keine Fotos, ja." Nach zwanzig Minuten kommt wieder eine Dame, befasst mit "kreativem Consulting": "Bitte keine Fotos, ja." Nach 30 Minuten fegt der Filialleiter hinein. Lederjacke, die Haare schulterlang zurückgekämmt, als sei er gerade dem Mode-Herbstkatalog entstiegen. Ein paar Zertifikate für "Borse per Signora" und "Alligator Mississipiensis" hat er dabei, auch ein Ausgangsbuch, allerdings nur mit einer einzigen Eintragung. Sehr mager, befindet Zisenis, erklärt nochmal die Rechtslage, erbittet Kopien, Angaben der Lieferanten. "Kommt alles aus New York." Wieder wird telefoniert. Die Zeit verrinnt. Der Raumdruck steigt langsam ins Unerträgliche. Es wird nur noch geflüstert.

Zisenis packt die zwei dicken grünen Gesetzesordner aus, erklärt, dass bei jedem Verkauf über 500 Mark die Adresse des Kunden einzutragen ist. Ein weiteres Vorbeben. Der Filialleiter schüttelt den Kopf. Eine abwegige Vorstellung bei seiner Klientel. Weitere Kommentare verkneift er sich. Zisenis zerrt eine Plus-Plastiktüte aus seinem Gepäck, mit Utensilien zur Spurensicherung: Maßband, Sucherkamera der Marke Prima und Papierschnipsel zum Beschriften. Dann beginnt die Beweisaufnahme. Das Klima sinkt weit unter null. Die Blicke der Geschäftswelt flüchten auf die Straße. Die Verwaltung schreibt ein Protokoll, in gestochen scharfer Handschrift, mit Durchschlag, akribisch korrekt. Nur keine Fehler machen, die später, vor Gericht, alles zunichte machen. Die Python-Handtasche für 3250 DM, aber ohne Zertifikat, steht jetzt auf dem grünen Besuchersessel. Angelehnt ein Zettelchen, mit einer 1 beschriftet. Zisenis kniet nieder, fotografiert. Nochmal Protokoll. Nochmal Beweisfoto. Insgesamt fünf Taschen werden beschlagnahmt, Wert: etwa 25 000 Mark. Sie bleiben im Geschäft, dürfen aber nicht mehr verkauft werden. Liegt nach spätestens sieben Monaten keine Cites-Bescheinigung vor, werden die Waren endgültig eingezogen.

Nach zwei Stunden verabschiedet sich Zisenis. Auf der Straße holt er tief Luft. Das große Beben ist ausgeblieben. Manchmal läuft es völlig anders. Die Geschäftswelt wird handgreiflich, und die Verwaltung ruft die Polizei. Der Job ist unangenehm.

Für die zweite artenschutzrechtliche Kontroll-Stichprobe des Tages begeben wir uns in die Delikatess-Abteilung eines Kaufhauses. Dort wird es schnell brenzlig. Der herbei gerufene Unternehmenschef untersagt jede Presseveröffentlichung des Vorgangs - schließlich fehlte die Anmeldung. Das Folgende ist deshalb als fiktive Reportage zu verstehen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Kaufhäusern sind rein zufällig.

Kaviar vom geschützten Stör

Zisenis hat Kaviar entdeckt, schwarzen vom artgeschützten Stör, verschiedenen Leckereien beigemischt. Der Standbetreiber, Herr M., findet die Kontrolle okay - "Ordnung muss sein" - präsentiert Lieferscheine und Etiketten, doch Zisenis dringt wieder auf Cites-Erlaubnis und genaue Buchführung, und leider fehlt all das. Es beginnt ein langwieriges Telefonieren und Warten auf eingehende Faxe, die nicht ankommen, obwohl sie doch bestimmt abgeschickt wurden. Herr M. findet die Kontrolle bald nicht mehr so okay, sieht angegriffen aus. "Warum sollen denn immer die Kleinen leiden. Die großen Fische müssen gefangen werden." Die Faxe kommen an, nur sind es die falschen. Nochmal Telefonate. Herr M. beteuert, er könne einpacken, wenn Zisenis beschlagnahme. Die Rufschädigung sei schon jetzt verheerend. Nach drei Stunden erklärt Zisenis das Warten für beendet, beginnt mit dem Durchzählen der Gläschen Misch-Kaviar, genau 92 zu je 100 Mark, dazu diverse Töpfchen Kaviar-Butter und Kaviar-Creme zu rund 9 Mark das Stück. Eine Dame von der Buchhaltung zählt gegen und kommt jedesmal auf andere Summen, fragt nochmal alle Fragen, die Herr M. schon gefragt hat. Zwischendurch ein Vier-Augen-Gespräch mit dem Unternehmenschef wegen der anwesenden Presse. "Gibt noch Ärger." Der Nachmittag schmilzt dahin. Zisenis will endlich ernst machen, schreibt wieder Protokolle. Die Stimmung sackt ab, der Druck steigt. Zisenis vergisst, Blaupausen zu machen, muss alles per Hand abschreiben, nochmal auf Abweichungen kontrollieren. Seine Hand zittert, die Stimme wird schmaler. Wieder Papierschnipsel vor die Gläschen, eins von oben, eins im Profil, Kamera zücken - Klick. Herr M. telefoniert nochmal mit den Lieferanten, sein Sohn schaut nur noch sinnentleert, die Dame von der Buchhaltung fragt, was denn Cites überhaupt sei. Jetzt - jetzt aber wirklich - käme die Cites-Bescheinigung per Fax, triumphiert plötzlich Herr M. Noch einmal pilgern zum Faxgerät beim Empfang, warten. Und dann ist sie plötzlich da, die Einfuhrbescheinigung aus dem Iran in die EU, über 500 Kilo Kaviar. Oder steht da 1500 Kilo? Zisenis schaut noch mal ganz genau. Herr M. ist kurz vor der Explosion. "Na, falsch?" - "Nein, in Ordnung." Die Spannung weicht. "Wie beim Schafott, wenn im letzten Moment die Begnadigung kommt", sagt Herr M.

Nach dreieinhalb Stunden ist Zisenis wieder auf der Straße, pustet die Anspannung in die Berliner Luft. Eigentlich ist noch ein exotischer Blumenladen auf der Kontrolliste, aber das geben die Nerven nicht mehr her. Wie viele Arten während des sechsstündigen Verwaltungsringens weltweit ausgestorben sind, kann Zisenis nur vermuten. Wahrscheinlich Dutzende.

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