Artloft in der Gerichtstraße : Tief in der Nische

Seit 2013 gibt es das "art loft" in den ehemaligen Industriehöfen in der Gerichtstraße. Die Betreiber haben ihre Nische gesucht und gefunden - fernab vom Wedding, mittendrin. Ein Ortsbesuch.

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Ivan Dalia Trio im "art loft berlin" in der Weddinger Gerichtstraße
Ivan Dalia Trio im "art loft berlin" in der Weddinger GerichtstraßeFoto: art loft berlin

Kann einsam werden in der Nische, wenn du sie gefunden hast. Ist ja auch durchaus so gewollt, so ganz generell. Wenn du dir ein leeres Eckchen suchst und es besetzst, wie man so sagt, dann willst du ja eben gerade nicht im Mainstream schwimmen. Dann willst du deine Ruhe haben. Nicht dauernd beäugt werden, von allen und jedem.

Wenn du allerdings Veranstaltungen organisierst in der Nische, hast du wieder ein kleines Problemchen. Weil Laufkundschaft und Nische sich meist ausschließen, klar. Da musst du die Leute locken. Und den Berliner an einem Sonntagabend um 18 Uhr zu locken, ist gar nicht mal so leicht. Da ist der Berliner generell so ein bisschen erschöpft, vom harten Wochenende, das hier ja meist schon donnerstags losgeht. Da ist der Berliner meist so ein bisschen pleite, und der Weddinger sowieso. Weil das Leben teuer ist und das Wochenende selten billig.

Und so sitzen, um endlich zur Sache zu kommen, dann gegen sechs Uhr an diesem Sonntagabend auch nur zwei Handvoll Besucher im „art loft“ in einem Hinterhof der Gerichtstraße und warten darauf, dass das Modern-Jazz-Konzert des „Ivan Dalia Trio“ losgeht.

„Freitag waren 70, 80 Leute hier“, sagt Christopher Klein und schüttelt sanft den Kopf, ein bisschen ungläubig, aber auch ein bisschen abgeklärt. Klein hat mit seinem Bruder und zwei anderen Mitstreitern vor einem Jahr die alte Metallwerkstatt hier im Industriehof in eben dieses „art loft berlin“ umgewandelt. Heißt: Die Wände sind jetzt sauber weiß gestrichen, eine Projektion mit buntem Corporate-Logo („alb“), opulente Leuchter auf den Tischen, ein Flügel ist da, und ein Glas Weißwein kostet 4,90 Euro.

„Wir tasten uns ran“

70, 80 Leute also, beim ersten Konzert des Mini-Musikfestivals, Freitag, nun ja, da war der Berliner sicher noch frischer, da hatte der Weddinger und die Weddingerin noch Bock auf ein bisschen Jazz. Sonntag: schwierig. Aber okay. Muss sich alles auch erst mal rumsprechen. „Wir tasten uns ran“, sagt Klein.

Bildhauer ist er von Beruf, wie sein Bruder Andreas auch, der ist auch da, Grüß Gott, hallo!, und die letzten 30 Jahre haben die Klein-Brüder mit ihren Familien in Italien verbracht. Pietrasanta. Das liegt in der Toskana und ist sicher so schön, wie es klingt. „Italien ist wunderschön“, bestätigt Christopher Klein. Und Berlin? „Berlin ist wunderbar, nicht wunderschön.“ Und weil das so ist, kommen Heimatgefühle hier natürlich nicht ganz so schnell auf, aber muss ja auch nicht. Ein Domizil sei das hier für ihn und seinen Bruder, sagt Klein.

Ist auch okay. Denn was hat das „art loft“, so gesehen auch mit dem Wedding zu tun? Es ist ja die Nische, für die sich die echten Weddinger nie interessiert haben, die Alteingesessenen, die vorne die Gerichtstraße langstreichen, das Gesicht lang und die Weile auch, aber wer wollte schon mal hier hinten vorbeischauen, in Hof 2, haben sie ja nie gemacht und warum soll's anders werden, wenn's so ja auch irgendwie immer gegangen ist?

Was soll’s? Jetzt ist eben da, wo früher die Metalldreher geschuftet haben, das „art loft“ drin und schräg drüber im 1. OG sind die „Kochenden Welten“ und – gleich nebenan – das „Tangoloft“, aus dessen geöffneten Fenstern auch an diesem Sonntagabend der große argentinische Weltschmerz auf die Klein-Brüder herunterweht.

Und trotzdem Mitte

Der Wedding aber ist und bleibt, wie er ist, da draußen, jenseits der Hofeinfahrt, und das mögen sie ja auch, die Neuen, irgendwie, nur weiß man eigentlich nie so genau, wie und warum. „Hier ist alles neutral. Nicht so gedrängt von irgendwelchem Style. Normal eben“, sagt Klein. „Und trotzdem sind wir in Mitte hier.“ Da, in Mitte also, gibt es übrigens auch ein „Art-Loft“, beim Berliner Ensemble, das wirkt noch ein bisschen schicker, jedenfalls auf den Bildern auf der Homepage, aber wenn man jetzt noch darüber nachdenken würde, dass der Wedding neuerdings ja auch in Mitte liegt, wird es endgültig zu kompliziert.

Zurück in die Gerichtstraße also, Hof 2. Vor dem Konzert haben sie noch schnell den Kühlschrank ausgestöpselt, Stichwort Tonband-Aufzeichnung, und dann bringt das Ivan Dalia Trio die Weddinger Wände zum Vibrieren, alte Wände, die mal rauh waren und jetzt weiß sind, ordentlich Schmackes hat dieser Modern-Jazz, beeindruckend, und zum Glück, so denkt man sich, gibt es als Nachbarn hinten raus nur die Panke und die Ringbahn, Beschwerden sind da nicht zu erwarten, auch am Sonntagabend nicht. Klarer Vorteil: Nische.

Also: Warum jetzt noch mal genau Wedding? „Die Gegend hier ist noch real“, sagt Klein und spricht das Attribut englisch aus. „Einfaches Pflaster. Nicht so schickimicki-mäßig. Ein natürlicher, alter Stadtteil, der Wedding. Hier kann man noch mit der dreckigen Hose auf die Straße gehen.“ Was für einen Bildhauer sicher von Vorteil ist.

„Die Kultur“, sagt Klein dann noch, „die hat den Wedding noch gar nicht ergriffen.“ Was sich ja dann jetzt ändert. Die Preise stimmen schon mal, denn am Savignyplatz ist das Weinchen sicher auch nicht teurer. Muss sich halt noch rumsprechen.

Apropos: Zum Weddinger Kulturfestival übernächstes Wochenende, 12. September, steigt im „art loft“ eine Vernissage, und der Titel der Schau klingt auch schon mal ziemlich nach Mitte: „Nicht so Contemporary“. Da kommen doch bestimmt ein paar mehr…

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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