Artur "Atze" Brauner : Berliner Finanzamt fordert Millionen von Kino-Legende

31 Millionen Euro soll Filmproduzent Artur Brauner an Steuern nachzahlen. Der 99-Jährige bestreitet die Rechtmäßigkeit der Forderung.

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Der Filmproduzent Artur "Atze" Brauner 2008 in seinem Wohnhaus in Berlin
Der Filmproduzent Artur "Atze" Brauner 2008 in seinem Wohnhaus in BerlinFoto: Soeren Stache/dpa

Er ist der Methusalem des deutschen Nachkriegskinos: Artur „Atze“ Brauner hat vor einigen Tagen seinen 99. Geburtstag gefeiert. In den vergangenen Jahren aber machte er nur noch selten Schlagzeilen mit seinen Filmen, um so mehr mit seinen Immobiliengeschäften – und mit angeblichen Steuerschulden in hoher zweistelliger Millionenhöhe. Diese Ansprüche, so erklärte er stets, halte er in großen Teilen für unberechtigt. Gleichwohl versuchen Berlins Behörden nun erstmals, eine millionenschwere Forderung bei Atze Brauner und seiner Familie einzutreiben. Das geht aus den Pfändungs- und Einziehungsverfügungen des Finanzamtes Wilmersdorf hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen.

Das Amt hat im Juli Artur Brauner, seiner Ehefrau Theresa Pfändungsverfügungen zugestellt. Es geht um die Geschäftsanteile und -ansprüche an einer gemeinsamen GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts). Auf Artur Brauner selbst entfällt ein Anspruch von gut 13 Millionen Euro, auf seine 92 Jahre alte Ehefrau Theresa sogar in Höhe von 18,2 Millionen Euro. Das macht in der Summe rund 31,2 Millionen Euro. Das Finanzamt erklärte ihnen schriftlich, die Firma sei aufgelöst.

Nach früheren – unbestätigten – Medienberichten hat die Familie dem Fiskus bis zu 95 Millionen Euro geschuldet. Das wies Brauner damals zurück. Die Zahl tauchte 2014 auf, nachdem bekanntgeworden war, dass sich Brauners Name auf einer Steuer-CD findet, die das Land Nordrhein-Westfalen in der Schweiz gekauft hat. Die Daten betreffen unter anderem Konten der Schweizer Niederlassung der israelischen Bank Leumi, die über die Jahre Schulden deutscher Geschäftsbanken, mit denen sich Brauner überworfen hatte, abgelöst hatte.

Artur Brauner ist ein Unikum, eine Society-Legende, Träger des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse: 1918 im polnischen Lodz geboren, musste der junge Mann erleben, wie fast 50 Mitglieder seiner jüdischen Familie in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet worden sind. Er selbst überlebte in der Sowjetunion und kam unmittelbar nach dem Krieg nach Berlin. In einer ehemaligen Munitionsfabrik in Spandau baute er ab 1946 seine Filmgesellschaft CCC (Central Cinema Company) auf, produzierte über die Jahrzehnte mehr als 300 Filme, darunter „Der brave Soldat Schwejk“ (1960) mit Heinz Rühmann, „Old Shatterhand“ aus der Winnetou-Reihe (1964), und „Hitlerjunge Salomon“ (1990).

Brauner war ein Scharnier zwischen der deutschen Filmwirtschaft und Hollywood. Als solcher war er über Jahrzehnte eng, manche sagen, zu eng, mit den jeweils Regierenden West-Berlins verbunden. Und auch nach der Wiedervereinigung 1990 rissen beste Kontakte dieses Prominenten in höchste Stellen offenbar nicht ab. Immer wieder gab es Vorwürfe, dass man in Berlin Schulden und Klagen seiner Mieter nie besonders ernst genommen hat. In anderen Teilen der Republik, in denen man sich diesem Ehrenbürger vielleicht nicht ganz so sehr verpflichtet fühlt, sieht man die Rolle von Atze Brauner weit weniger nostalgisch – oder geschichtsbewusst. So hatte zum Beispiel der Rechtsanwalt Hans Scharpf aus Frankfurt am Main 2015 Unterlagen im Rahmen einer Geldwäscheverdachtsanzeige an die Berliner Staatsanwaltschaft übergeben. Zunächst war die mit dem Hinweis abgewiesen worden, es handele sich nur um „Mutmaßungen“.

Nun aber ist zumindest das Finanzamt Wilmersdorf, das Familie Brauner aus Grunewald betreut, doch aktiv geworden. Auch, weil Steuerfahnder aus Wuppertal in Nordrhein-Westfalen Unterlagen beibrachten. Ein weiterer Grund für das späte Aktivwerden der Finanzbehörden ist womöglich die Hartnäckigkeit eines ehemaligen Geschäftspartners von Brauner, des Bauunternehmers Maximilian Aicher aus dem oberbayrischen Freilassing. Er hatte mit Brauner in den 90er Jahren unter anderem in Hohenschönhausen (Lichtenberg) das Bauprojekt „Weiße Taube“ gestemmt. Doch seit mehr als zehn Jahren gibt es Streit um die Wohnhäuser an der Landsberger Allee.

Zu prominenten Einzelfällen darf die Finanzverwaltung keine Auskunft erteilen. In der Summe aber schuldeten Bürger den Berliner Finanzämtern zum Stichtag 31. Dezember 2016 rund 301 Millionen Euro, teile die Senatsverwaltung mit. Die nun bei Brauners angemeldeten 31 Millionen Euro wären also gut ein Zehntel dieser Gesamtsumme.

Der Tagesspiegel bat am gestrigen Mittwoch Artur Brauners Charlottenburger Rechtsanwältin um eine Stellungnahme. Diese liegt der Redaktion noch nicht vor. Dem Magazin „Stern“, das die Unterlagen ebenfalls hat, ließ Brauner aber ausrichten, bei den genannten Summen handele es sich nicht um originäre Steuerschulden, sondern um „Nebenforderungen des Finanzamts, insbesondere Säumniszuschläge“. Gegen diese wolle er sich gerichtlich wehren, hieß es. Daneben seien auch Steuerforderungen streitig, bei denen die „Vollziehung“ momentan ausgesetzt sei.

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