Berlin : Arzneimittelkosten: Beispiel 4: Zank um HIV-Mittel

"Würde ich das ernst nehmen, müsste ich mir einen Schuss geben": Diesen Gedanken hatte ein Arzt aus Prenzlauer Berg, als er seinen Regressbescheid las. Mehrere Millionen Mark soll er für 1998 zurückzahlen, fast ausschließlich für die Behandlung von HIV- und Krebspatienten. Andere Praxen mit gleichen Schwerpunkten werden ähnlich heftig zur Kasse gebeten: Ruinöse Forderungen auf dem Hintergrund eines Streits, der schon länger schwelt. Dabei geht es um die sogenannten innovativen Arzneien, die gegen Aids, Tumore, Rheuma und andere schwere Krankheiten eingesetzt werden.

Viele sind erst seit einigen Jahren auf dem Markt. Einige sind noch in Erprobung, andere schon zugelassen - und etliche gelten als hoch wirksam. Doch sie haben einen Nachteil: Sie sind oft extrem teuer und werden von den Kassen äußerst kritisch beäugt.

Schwerpunktpraxen für HIV- und Krebs überschreiten ihr Budget in der Regel um mehr als 1000 Prozent, weil es für einen durchschnittlichen Internisten errechnet wurde. Doch alleine die Medikamente für einen Aidskranken kosten im Jahr etwa 25 000 Mark, werden Heilversuche mit weniger erprobten Mitteln unternommen, wird es vielleicht noch teurer. Aber solche Experimente sind oft eine letzte Chance.

Betrachtet man die Gesamtkosten aller Arzneien, die Berlins niedergelassene Ärzte verschreiben, so haben die innovativen Medikamente einen Anteil von 16 bis 20 Prozent. Zum einen wegen ihres Preises, aber auch, weil HIV- und Krebspatienten mehr denn je ambulant behandelt werden. Auch deshalb sind die Arzneikosten im ambulanten Bereich gestiegen.

Die vom Regress bedrohten Praxen reagieren gereizt. Ihr Patientenschwerpunkt sei bekannt, das Ganze eine Schikane. Nun müssen sie sich verteidigen und mit der Alternative auseinander setzen: "Lasse ich einen Patienten vor die Hunde gehen, oder riskiere ich einen Regress?" Der Arzt aus Prenzlauer Berg hat sich entschieden: "Wir ändern unsere Verordnungen nicht."

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