Berlin : Asbest-Beseitigung: Der einstige Palast ist nur noch ein Gerippe

Lothar Heinke

Eigentlich hatten wir uns das ja ganz anders vorgestellt: Die Abgeordneten vom Haushaltsausschuss des Bundestages in Unterhosen beim Umkleiden und gegenseitigen Bestaunen im Astronauten-Look mit Asbest abweisenden Schutzanzügen, Mundschutz und Gesichtsmaske. Der Palast der Republik (oder das, was von ihm noch übrig ist) sollte besichtigt werden, und da sind strenge Sicherheitsmaßnahmen geradezu Bestandteil der Einladung. Aber alles war anders. Der Erkundungstrupp setzte sich ohne alle Vorkehrungen, sogar ohne Bauhelm, in Bewegung und betrat über ein Treppenhaus an der Nordseite des merkwürdigen Gebäudes den Bauteil 1, der als erster von vieren vollständig von Asbest befreit und begehbar ist. "Dies war einmal der Saal der DDR-Volkskammer!", sagt der Mann vom Bundesbauamt, "dort oben die Zuhörertribüne, hier der ansteigende Saal des Plenums und da vorn saßen Präsidium und Regierung".

Gähnende Leere. Keine Lampen, keine Sessel, weder Decken noch Teppiche. Das ist alles vorsorglich ausgelagert, und es darf bezweifelt werden, ob es Sinn macht, dass das jemals wieder in dieses zweigeschossige Stahlgerippe zurückkehrt. Die braunen Stahlträger ohne Inhalt und der rohe Fußboden in dem elf Meter hohen, 35 Meter breiten und 29 Meter langen Raum versetzen den Besucher unversehens um 26 Jahre zurück - zwischen 1973 und 1976 war der Palast der Republik errichtet worden, in der Rohbauphase dürfte es hier ähnlich ausgesehen haben.

Die Mitglieder des Ausschusses wollten sich einmal ein Bild davon machen, was mit den 100 Millionen Mark geschehen ist, die für die Asbestsanierung zur Verfügung stehen. Dabei erfuhren sie, dass "Asbest sehr weit im Gebäude verteilt ist", sogar in Schnittkanten von Betonteilen können einzelne Schichten beobachtet werden, und selbst im Bauschutt der Kellersohle steckt dieses tückische Zeug, "das Unvergängliche", wie man das griechische "asbestos" übersetzt. Seit Oktober 1997 läuft die Asbestfreimachung in dem seit 19. September 1990 geschlossenen Palast, in dem 720 Tonnen Spritzasbest stecken, die damals aus Gründen des Brandschutzes eingebracht worden waren - nicht nur auf Stahlträgern, sondern auch als "Spritzschatten" auf Decken, Wänden, Böden und Teilen der technischen Installation. Im Sommer 2002, ein Jahr später als geplant, soll die Sanierung mit dem Kellerbereich beendet sein, und es scheint wahrscheinlich, dass die Kosten durch die unvorhergesehenen Arbeiten steigen, jedenfalls werde gerade mit den Firmen verhandelt, sagt Ingo Trendelenburg, der Präsident der Oberfinanzdirektion. Er ist gewissermaßen der Besitzer des Hauses mit der ungewissen Zukunft, das einstmals, grob geschätzt, 495 Millionen DDR-Mark gekostet hatte.

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Die Antwort der Abgeordneten auf die Frage, wie sie die Zukunft dieses Bauwerks sehen, hängt immer ein bisschen von ihrer eigenen Erfahrung mit dem "Haus des Volkes" ab. Christa Luft von der PDS kämpft seit Jahren vehement pro Palast und bemängelt, dass der Bau, "in dem es immer so anheimelnd war", nicht unter Denkmalschutz gestellt wurde, "wo doch diese scheußlichen Nazi-Bauten in Prora denkmalwürdig sind". Sie gibt zu, dass man nicht alles erhalten könne, "aber dass dies alles so einfach geschleift werden soll, kann ich mir nicht vorstellen". Es müsse ein Aufeinanderzugehen der Schloss- und Palast-Befürworter geben - ein Kompromiss sei gefragt. Viele Möglichkeiten sieht Dietmar Schütz (SPD) aus Oldenburg: ganz abreißen, stehen lassen und den Rohbau ausbauen, etwas ganz anderes hinstellen oder das Vorhandene mit Neuem kombinieren - die Schlossplatzkommission ist nicht zu beneiden.

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