Berlin : "Asiana": Fast zu viel des Guten

hema

Schon das Opening beeindruckte. Aus dem Hintergrund des Circus "Asiana" bewegte sich eine graue Armee scheinbar unaufhaltsam vorwärts. Fast ein wenig Furcht einflößend war die dargestellte "Terrakotta-Armee" des ersten Kaisers und Gründers von China, Qin Shi Huang, ein. Zufällig hatte man 1974 in der chinesischen Stadt Xian dessen unterirdischen Totenpalast entdeckt, den eine stumme Armee aus Terrakotta bewachte. "Ein toller Einfall", lobte Georg Strecker vom Wintergarten die Idee der niederländischen Produzenten Monica Strotmann und Henk van der Meyden, damit ihren "Großen Asiatischen Circus" zu eröffnen. Auch mit dem "Rolla Rolla"-Künstler Kim Jong Chol liebäugelte der Geschäftsführer des Wintergarten Varietés - den Artisten, der auf lose aufeinander gestapelten Zylindern balancierte und sich zu guter Letzt auf dem kippligen Gebilde auch noch durch enge Reifen zwängte, konnte er sich gut auf seiner Bühne in der Potsdamer Straße vorstellen. Die ist wesentlich kleiner als die Manege in dem Zeltpalast, den die Niederländer für das Gastspiel am Kurt-Schumacher-Damm gemietet haben - ein Zirkustheater wie das "Carré" in Amsterdam hat Berlin leider nicht. Zur Premiere war das Zelt proppevoll und die Begeisterung groß. Obwohl Gäste wie der Schauspieler Peer Schmidt, der eben als BZ-Chef ausgestiegene Franz Josef Wagner und sein Kollege Peter Boenisch sicher schon viel Zirkus erlebten - und das ist hier ganz wörtlich gemeint.

Die Schauspielerin Mareike Carrière kam als Zirkusfan extra aus Hamburg nach Berlin, wo sie außerdem für den 9. November eine Mahnwache am Brandenburger Tor vorbereitet. Zur "Asiana"-Premiere bedauerte sie, den Artisten nicht selbst danken zu können, "die sprechen ja kaum Englisch". "Atze" Brauner bewunderte die Beweglichkeit der chinesischen, mongolischen und nordkoreanischen Künstler und verriet, dass er täglich 15 Minuten Gymnastik treibt, "sonst würde ich um diese Zeit schon schlafen". Zum Schlafen kam zur Premiere niemand, trotzdem fiel nach der Pause der Begeisterungspegel leicht ab. Nicht, weil man die "begnadeten Körper" - so nannte André Heller chinesische Artisten - nicht gut fand. Vielmehr war man irgendwann einfach übersättigt. Was man sah, war rational sowieso nicht zu erklären: Immer neue Balancen und mehrfache Salti - sogar auf Stelzen - auch durch dreifach gestapelte und sich drehende Reifen, Menschen - auf Stuhlpyramiden, tanzende Teller und Schneeflocken - schier überfordert wurden die Sinne. Im Gegensatz zur Amsterdamer Aufführung im festen Haus hatte man für das Zelt in Berlin die Nummern der Superlative noch gestreckt - weniger wäre ein wenig mehr gewesen. Nur an der Musik wurde gespart - die hätte man sich durchgehend zu "Asiana" passend exotisch und nicht aus der Dose gewünscht. Dafür präsentierte das Finale einen artistischen Paukenschlag: Die in Monte Carlo mit Gold geehrte Darbietung am Großen Fliegenden Trapez gab den klatschmüden Händen den Rest.

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