Berlin : Astrid Lindgren: Trauer in der Villa Kunterbunt

Heike Gläser

"Danke für die guten Bücher, die du für uns geschrieben hast", steht im Kondolenzbuch von Kinderhand geschrieben. Das Buch liegt auf schwarzem Stoff, umrankt von Blumen und Kerzen. Dahinter hängt ein Porträt der großen schwedischen Kinderbuchautorin. Einige Schüler scharen sich um den kleinen Tisch im Foyer der Astrid-Lindgren-Grundschule in Spandau.

Seit gestern wissen alle vom Tod Astrid Lindgrens. "Viele Schüler haben davon im Internet erfahren" sagt Lehrerin Verena Jarke. "Aber die meisten sind nicht wirklich traurig, sie sind ja auch noch zu klein."

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Astrid Lindgren ist hier aber schon seit Jahrzehnten Thema Nummer Eins. Schließlich ist dies die erste Schule in Deutschland, die nach der Schriftstellerin benannt wurde. 1966 kam das damalige Kollegium auf die Idee, Astrid Lindgren zu fragen, ob sich die Schule nach ihr benennen dürfe. Die Kinderbuchautorin reagierte erfreut und gab ihre Zustimmung. "Sie war stolz und fand das toll, dass eine Schule nach ihr benannt wurde", sagt Lehrerin Verena Jarke.

Astrid Lindgren ließ es sich nicht nehmen, zur Einweihung der Schule nach Berlin zu reisen. Und 1971 kam sie ein zweites Mal nach Staaken zu Besuch. Daran kann sich Verena Jarke noch gut erinnern. Die 53-Jährige war damals Referendarin. "Ich saß im Lehrerzimmer neben ihr, und sie war sehr sympathisch", erinnert sich Jarke lebhaft. "Irgendwie hat sie sich etwas Kindliches erhalten".

Die Schule macht der Schriftstellerin alle Ehre: Schüler und Lehrer wandeln auf wohl vertrauten Pfaden mit so schönen Namen wie "Bullerbü-", "Pippi-Langstrumpf-" und "Astrid-Lindgren-Weg". Die Bereiche vor den Klassenzimmern heißen "Karlsson-Dach" oder "Blomquist-Yard".

Für ganz Kleine, die noch nicht lesen können, weisen gemalte Bilder an den Fensterscheiben den Weg. Sie zeigen beispielsweise die Kinder von Bullerbü oder Pippi Langstrumpf. Die Türen zu den Klassenzimmern sind bunt mit Lindgren-Motiven bemalt, im Schulflur stemmt eine Pappmaché-Pippi ein weißes Pferd samt Äffchen in die Luft. Und natürlich sind alle Lindgren-Bücher in der Bibliothek komplett.

"Was Astrid Lindgren schrieb, war damals revolutionär, da sie den Kindern in ihren Geschichten so viel Freiraum zugesteht", sagt Schuldirektor Nobert Hübener. Er ist seit 1993 Direktor und residiert, wie es sich gehört, in der "Villa Kunterbunt". Das Konzept der Schule mit rund 520 Schülern in sechs Jahrgängen, sagt er, lebe vom Geist der Lindgren. "Das Kollegium legt Wert auf die Integration aller Schüler, egal woher sie kommen und wie sie aussehen".

Die Spandauer Grundschule ist zwar die erste, nicht aber die einzige, die Astrid Lindgrens Namen trägt. Inzwischen gibt es im gesamten Bundesgebiet 141 Schulen; allein in Brandenburg sind es fünf. Rektor Hübener wünscht sich zum Gedenken mit den Kindern eine gemeinsame Aktion aller Astrid-Lindgren-Schulen. Wie diese genau aussehen soll, weiß er noch nicht. "Wir stehen in Kontakt zu den anderen Schulleitern". Ein Treffen ist geplant.

Die Lehrer sprachen gestern mit ihren Schülern über den Tod der berühmten Autorin und lasen viele ihrer Geschichten vor. In der Klasse 2c ist die Stimmung leicht gedrückt. "Ich bin schon traurig" sagt Annika, die zwar keinen Bruder namens Tommi hat, aber mit ihren sieben Jahren "die Pippi" schon gelesen hat. "Die war ja schon 94", findet die achtjährige Morina, bevor sie sich wieder ihrer Zeichnung widmet. "Und ich finde den Karlsson toll", mischt sich der kleine Valentin ins Gespräch. Der Achtjährige hat sich noch nicht ins Kondolenzbuch eingetragen. Das möchte er aber unbedingt nachholen, wenn die Malstunde endlich zu Ende ist.

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